Zehn Jahre nach dem Bau der Mauer: Damals begann eine neue Politik

Von Theo Sommer

Der Verstand wollte nicht glauben, was die Augen sahen“, hat Willy Brandt zehn Jahre nach dem Ereignis über den 13. August 1961 reminisziert. In der Tat löste der Bau der Mauer im Westen einen tiefen Schock aus. Notdürftig wurde die allgemeine Hilflosigkeit mit leeren Schlagwörtern möbliert. Von einer „klaren und unmißverständlichen Bankrotterklärung einer 16jährigen Gewaltherrschaft“ sprach Konrad Adenauer. Niemand vermochte sich damals vorzustellen, daß die Welt in Wahrheit den Beginn einer wohlkalkulierten Sanierungsaktion für die DDR miterlebte. „Die Abriegelung der Grenze ist eine Niederlage Ulbrichts und ein Sieg des Westens“, kommentierte ehester Bowles, Staatssekretär im State Department. Ein Berliner Senatsbeamter sagte dazu verbittert: „Noch einige solcher westlicher Siege, und in dieser Stadt gibt es nichts mehr zu verteidigen.“

Washington fand seine Fassung am schnellsten wieder. Die drei essentials für das Überleben Westberlins, die der NATO-Rat auf seiner Mai-Sitzung in Oslo formuliert hatte, waren nicht bedroht: weder die Anwesenheit der alliierten Truppen noch der freie Zugang noch die Lebensfähigkeit der Stadt. Tatsächliche Rechte wurden nicht berührt, lediglich ein Viermächtestatus, der längst nur noch auf dem Papier bestand. „Vorliegende Berichte“, so stellte Außenminister Rusk erleichtert fest, „deuten darauf hin, daß sich die bisher getroffenen Maßnahmen, gegen die Bewohner Ostberlins und Ostdeutschlands und nicht gegen die Position der Alliierten in Westberlin oder den Zugang nach Westberlin richten.“ Die Verletzung bestehender Abkommen würde Gegenstand „eines energischen Protests über angemessene Kanäle“ sein, aber an eine heftigere Reaktion war nicht gedacht. Ohnehin hielt Washington das ganze nur für eine Art von „Vorkrise“, der die eigentlich gefährliche Zuspitzung erst folgen würde.

Theodore Sorensen hat die Stimmung, die damals in der amerikanischen Hauptstadt herrschte, so geschildert: „Alle waren sich darüber einig, daß die Mauer... illegal, unmoralisch und unmenschlich sei, aber keinen Kriegsgrund darstelle. Berlins Rolle als Schaufenster des Westens und Schlupfloch des Ostens/fand damit ein Ende, aber... kein Verantwortlicher in den Vereinigten Staaten, in Westberlin, in Westdeutschland oder Westeuropa schlug vor, daß die alliierten Streitkräfte auf ostdeutsches Gebiet marschieren und die Mauer niederreißen sollten.“

In diesem Passus seiner Memoiren berührt Sorensen die zentrale Frage: Hätte der erste Stacheldraht einfach von westlichen Panzern niedergewalzt werden sollen?

An deutschen Stammtischen wird das noch immer behauptet, und manche Zeitungen – etwa der Bayernkurier der CSU – haben den wohlfeilen Ratschlag zum zehnten Jahrestag unbekümmert wieder aufgewärmt.