Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im August

Im Vergleich zu jenen sonnengebräunten Urlaubsrückkehrern, mit denen sich die Bonner Szene allmählich wieder füllt, wirken die Botschafter der drei Westmächte wie Bleichgesichter. Die Strapazen der Marathonsitzungen in Berlin haben ihre Spuren hinterlassen. Noch bleicher und abgearbeiteter aber sind die drei Botschafts- und und ihr deutscher Kollege aus dem Auswärtigen Amt, die jenes Quartett bilden, das unter dem Namen Bonn Group oder „Vierer-Gruppe“ beim diplomatischen Poker mit dem Ostberliner Sowjetbotschafter Abrassimow eine unsichtbare, doch desto wichtigere Rolle spielt. Ihre Aufgabe, die westliche Berlinpolitik bis ins kleinste Detail zu koordinieren und die Verhandlungen von Mal zu Mal vorzubereiten, hat sie besonders seit Beginn der „heißen Phase“ im Mai kaum aus den Stiefeln kommen lassen.

Seufzend zeigt Jonathan Dean, der amerikanische Vertreter in diesem Gremium, am Vorabend der jüngsten Sitzungsrunde auf eine prall gefüllte Diplomatenaktentasche, deren 25 Kilo Inhalt nur einen Teil der Beratungspapiere ausmachen. Aus den allwöchentlichen Treffs der Vierer-Gruppe sind längst, die Wochenenden eingeschlossen, tägliche Zusammenkünfte geworden, die mitunter mehr als 12 Stunden dauern. Die bisher über 30 Botschafterkonferenzen in Berlin lassen sich getrost mit jeweils vier bis fünf Sitzungen der Bonner Gruppe multiplizieren. Auf die Frage, ob er sich im Labyrinth der Berlin-Probleme nicht mittlerweile wie im Traum auskenne, antwortete Dean lächelnd: Gewiß, sofern ich zum Schlafen komme.“

Schon die physische Belastung zeigt, welche Bedeutung das Vierer-Konzil gewonnen hat. Seine Ursprünge reichen bis zur Berlinblockade in den Jahren 1948/49 zurück, als eine Dreier-Gruppe der westlichen Alliierten über Maßnahmen zur Überwindung der sowjetischen Pression beriet. Nach dem Berlin-Ultimatum Chruschtschows 1958 wurde unter Hinzuziehung des Bonner Botschafters in Washington jene Vier-Mächte-Arbeitsgruppe gebildet, die sich mit einer politischen Lösung der Berlinfrage beschäftigte und bei der Zuspitzung des amerikanisch-sowjetischen Verhältnisses nach dem Wiener Treffen zwischen Kennedy und Chruschtschow im Jahre 1961 aufs neue Bedeutung erhielt. Schon damals gab es eine Bonn Group.

Aus dem Schatten des Botschafter-Zirkels in Washington trat diese Gruppe freilich erst, als die Ostpolitik der Bundesrepublik in Bewegung geriet, vollends seit dem Machtwechsel in Bonn. In dem Maße, in dem die Regierung Brandt-Scheel sich um einen Ausgleich mit den östlichen Nachbarn bemühte, nahm die Notwendigkeit enger Konsultationen mit den westlichen Alliierten zu. Automatisch verlagerte sich damit der Schwerpunkt der Beratungen nach Bonn; als Folge wuchs auch die Bedeutung der Bonner Kärrner in den drei westlichen Botschaften und im Auswärtigen Amt, die sich weniger um die großen politischen Leitlinien als um die Details zu kümmern hatten, in denen allemal der Teufel zu stecken pflegt.

Entscheidend war am Ende das Junktim, das die Bundesregierung zwischen der Ratifizierung des Vertrags mit Moskau und einer befriedigenden Berlin-Regelung herstellte. Aus der Eventualplanung für Berliner Krisenfälle wurde der Auftrag, konkrete Vereinbarungen mit den Sowjets vorzubereiten.