Im März dieses Jahres waren dem Internationalen Komitee für die Verteidigung der Menschenrechte in Paris Gutachten sowjetischer Psychiater über den Geisteszustand einiger Patienten zugeleitet worden, die bestätigten und im einzelnen belegten, daß die Einweisung mißliebiger Intellektueller in Strafasyle zu einer weitverbreiteten Praxis geworden ist. Wer opponiert, muß verrückt sein; und wenn er es nicht ist, wird er in den Asylen verrückt.

Unlängst nun gelangten weitere Berichte in den Westen. Der eine weist auf das Schicksal des ehemaligen Generals Pjotr Grigorenko hin, der im Frühjahr 1970 von einem Taschkenter Gericht in eine solche psychiatrische Anstalt eingewiesen worden war, nachdem er wiederholt und öffentlich gegen das Wiederaufleben stalinistischer Methoden protestiert hatte. Heute befindet sich Grigorenko, dreiundsechzig Jahre, alt und in schlechtem Gesundheitszustand, in einer Anstalt in Tilsit; die Klappe auf der Innenseite seiner Einzelzelle, heißt es, sei zugenagelt, so daß er selber weder Ärzte noch Wärter rufen kann.

In einer Kasaner Nervenklinik befindet sich, wie es heißt, die Schriftstellerin Natalja Gorbanewskaja. Sie werde dort mit Drogen behandelt, die sie denk- und urteilsunfähig machten. Ihr „Wahnsinn“: Sie hatte mehrere Protestbriefe gegen die Verurteilung Intellektueller mitunterzeichnet.

Der Schriftsteller Viktor Fainberg ist in einer Leningrader Klinik interniert, heißt es. Aus Protest gegen die Behandlung politischer Gefangener als Nervenkranke sei er dort unlängst in einen mehrwöchigen Hungerstreik getreten.

Die Methoden des Regimes sind fest eingespielt: Überwachung; Verhöre und Drohungen; Verlust des Arbeitsplatzes; Entzug der Aufenthaltserlaubnis für Moskau oder Leningrad (so muß die Frau des unlängst entlassenen Jurij Danielj in der Nähe von Bratsk leben, ebenso wie Anatolij Martschenko, der nach der Veröffentlichung seines Häftlingsberichts „Meine Aussagen“ wieder in ein Lager eingewiesen und Ende Juli endlich freigelassen wurde); Prozeß, endend mit der Einweisung in ein Gefängnis, ein Lager oder ein KGB-Strafasyl.

Das ist milder als zu Stalins Zeiten, wo die von behördlichem Verfolgungswahn Verdächtigten in den Kellern der politischen Polizei verschwanden oder für zehn beziehungsweise fünfundzwanzig Jahre, in Arbeitslager eingewiesen wurden. Bedrohlich genug für den einzelnen ist es immer noch.

Trotzdem hat Professor A.D. Sacharow ein aus drei Personen bestehendes „Komitee für Menschenrechte“ gebildet, das sich mehrmals zugunsten psychiatrisch behandelter politischer Häftlinge verwendet haben soll; die Aktivitäten des Komitees, so vermutet man, werden von den Behörden nicht ernst genommen und darum noch geduldet.