Saubere Umwelt hat ihren Preis. Mit Protesten gegen neue Industrien ist es aber nicht getan

Wer heute irgendwo eine neue Produktionsanlage bauen will, muß damit rechnen, daß er von den Stadtvätern mit offenen Armen und von den Bürgern mit geballten Fäusten empfangen wird. Während die einen schon die Steuergroschen im Stadtsäckel klingeln hören, wittern die anderen bereits die Abgase, sehen neue Gefahren für die ohnehin längst nicht mehr heile Umwelt voraus.

Ob Bildungsmisere, Vermögenskonzentration oder Umweltverseuchung – es dauert meist geraume Zeit, bis ein bisher unerkanntes soziales Problem in der Öffentlichkeit Resonanz findet. Noch vor wenigen Jahren stießen alle Warnungen vor dem unkontrollierten Einsatz von Pflanzenschutzgiften und Antibiotika in der Landwirtschaft auf taube Ohren. Wer blauen Himmel und saubere Flüsse forderte und vor den Gefahren der Luftverschmutzung warnte, wurde als Gesundheitsapostel belächelt. In dieser Beziehung hat sich zum Glück ein Wandel vollzogen. Dennoch ist die Gefahr, daß wir unsere biologischen Lebensgrundlagen zerstören, nur erkannt, aber noch lange nicht gebannt.

Auf der anderen Seite dürfen im plötzlichen Eifer des Umweltschutzes aber auch nicht die wirtschaftlichen Grundlagen unserer Existenz zerstört werden. Auf dem Weg der Industrialisierung gibt es kein Zurück zur ländlichen Idylle. Da ernsthaft niemand bereit ist, auf höheres Einkommen, kürzere Arbeitszeit und steigenden Lebensstandard zu verzichten, und weil an Stelle dahinsiechender Wirtschaftszweige Arbeitsplätze in Zukunftsindustrien geschaffen werden müssen, brauchen wir auch neue Fabriken.

Es hat also wenig Sinn, mit Protesten und Prozessen die Ansiedlung neuer Industrien oder den Ausbau bestehender Anlagen zu verhindern. Da die Vernunft die Zerstörung der Natur ebenso verbietet wie ein Abwürgen des wirtschaftlichen Wachstums, bleibt nur der Weg, alle technischen Möglichkeiten zur Eindämmung der Umweltgefahren zu nutzen. Strenge Gesetze müssen dies erzwingen, Verstöße hart bestraft werden. Wer andere Menschen gefährdet, um sich unrechtmäßig einen Vermögensvorteil zu verschaffen – gleichgültig ob durch Bankraub, Betrug oder durch illegale Ableitung giftiger Stoffe – muß gleichermaßen als Krimineller behandelt werden. –

Allerdings – je strenger die gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz der Umwelt sind, um so teurer sind sie auch. Wenn ein Land allein auf diesem Gebiet den Musterknaben spielt, leidet seine internationale Wettbewerbsfähigkeit. Umweltschutz läßt sich ohnehin nicht allein im heimischen Schrebergarten betreiben. Wenn französische Firmen Giftstoffe in den Oberrhein leiten, sind auch Deutsche und Holländer davon betroffen. Wenn die Ostsee biologisch stirbt, leiden alle Anliegerstaaten darunter.

Statt in Sachen Umwelt Geschaftelhuberei zu betreiben, sollte Bonn sich energisch für eine internationale Konvention zum Schutz der Umwelt einsetzen. Nur so könnte ohne Verzerrung des Wettbewerbs ein Maximum an Erfolg erzielt werden. Ansätze für eine derartige Zusammenarbeit gibt es bereits im Rahmen der Nato und der EWG. Wenn sich die in diesen Organisationen zusammengeschlossenen Staaten einig sind, brauchen sie eine unlautere Konkurrenz solcher Länder, die auf Kosten der Volksgesundheit das wirtschaftliche Wachstum forcieren, nicht zu fürchten. Durch Zölle und Einfuhrbeschränkungen für Produkte, die ohne Rücksicht auf Luft- und Wasserverschmutzung produziert werden, könnten Umweltsünder in Drittländern mit lascher, Gesetzgebung rasch zur Vernunft gebracht werden. Die EWG als größte Welthandelsmacht hätte durchaus die Möglichkeit, in Zusammenarbeit mit den USA die Führung auf diesem Weg zu übernehmen.

Michael Jungblut