Von Marcel Reich-Ranicki

Reden wir offen: Ludwig Marcuse, der am 2. August in München gestorben ist, hat viele schwache Bücher und nicht wenige schlechte Artikel geschrieben. Aber Ludwig Marcuse war ein außergewöhnlicher Mann, ein großer Literat. Er hatte allerlei Fehler und zugleich etwas, was in der Bundesrepublik Seltenheitswert beanspruchen kann: Format.

Oft wurde er als unzeitgemäß empfunden und auch abgelehnt. In der Tat mutete er im Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre etwas anachronistisch an. Doch war ihm dies ganz recht. Und es lag auch nicht an der Epoche, sondern vor allem an ihm selber. Sein Freund Joseph Roth hatte ihn durchschaut. Er schrieb ihm 1934: „Du kehrst Deine Gaben gegen die Welt und gegen Dich selbst, wie Waffen. Gar nichts hast Du davon. Ich wiederhole Dir, daß Du ein ewiger Protestant bist, wie es den ewigen Juden gibt. Du willst Dich den Gesetzen dieser Welt nicht fügen, Du bist wie ein Gast, der sich unanständig im Hause seines Wirtes benimmt.“

Eben weil Marcuse nicht daran dachte, sich den Gesetzen dieser Welt – übrigens auch der literarischen Welt – zu fügen, weil er nicht einmal merkte, daß er sich häufig anstößig oder „unanständig“ verhielt, konnte er gewinnen, was ihm von vielen seiner Kollegen verübelt wurde: Einfluß.

Ein Querkopf war er, aber weder ein Nörgler noch ein Krakeeler, ein unermüdlicher Polemiker, aber kein kleinlicher Besserwisser, ein streitbarer Geist, aber kein Fanatiker – es sei denn ein Fanatiker des Antifanatismus. Er gehörte zu den permanenten Ruhestörern, zu jenen, die Deutschland immer gebraucht, meist gefürchtet, oft verjagt und nie geliebt hat.

Ob Marcuse für oder gegen eine These oder Ansicht, für oder gegen ein Buch oder einen Autor schrieb – er äußerte sich entschieden und leidenschaftlich. Denn es ging ihm stets ums Ganze. Er war nicht nur imstande, sich immer wieder über Geistiges aufzuregen, sondern besaß auch die nicht zu unterschätzende Gabe, andere zu ärgern. Stets zur Entrüstung und zur Begeisterung bereit, reagierte er auf alles, was er für falsch und verdammenswert hielt, zumal auf Heuchelei, Borniertheit und Dogmatismus, schnell und heftig, oft allzu heftig.

Gelassenheit war Marcuses Sache nie: Der intellektuelle Draufgänger und großartige „Übertreiber“, den schon seine Theaterkritiken und Monographien aus der Weimarer Zeit erkennen lassen, blieb er fast bis zuletzt. Zum Gründlichen freilich wollte sich sein Naturell nie bequemen, vom Systematischen wollte er nichts wissen.