In der italienischen Gewerkschaftsbewegung ist ein offener Konflikt ausgebrochen. Die Gegensätze entzündeten sich ausgerechnet an einer Aktion, die zur Einheit der drei Hauptgewerkschaften Italiens führen soll. Denn obgleich alle drei Hauptgewerkschaftsverbände des Landes seit Jahren von Einheit reden, ist sie bisher noch nicht verwirklicht worden.

Immer noch werden Italiens Arbeitnehmer von der kommunistisch gelenkten CGIL, der christlich-demokratisch beeinflußten CISL und der im Kern sozialistischen UIL getrennt vertreten. Allerdings gibt es seit dem „heißen Herbst“ 1968 eine gut funktionierende gewerkschaftliche Aktionseinheit.

In der praktischen Zusammenarbeit und im gemeinsamen Sozialkampf sollten die Gewerkschaften nach dem Willen ihrer Führer zusammenwachsen. Dennoch wollten CISL und UIL auch wieder nicht zu schnell mit der mächtigen CGIL vereinigt werden – zu stark sind ihre Befürchtungen, vom großen kommunistischen Bruder geschluckt zu werden. Erst – so wurde gemeinsam beschlossen – müssen Politik und Gewerkschaftsarbeit säuberlich getrennt werden. Kein Gewerkschaftsfunktionär darf gleichzeitig auch ein politisches Amt haben. Aber noch bei jeder Wahl haben sich die Verbände gegenseitig beschuldigt, daß viele ihrer Funktionäre auf zwei Hochzeiten tanzten.

Während so die Spitzenfunktionäre der CISL und UIL eher, bremsen, drängt das in den Sozialkämpfen der letzten Jahre aneinander gewöhnte Fußvolk zur Einheit. Allen voran die Metallarbeiter, die als eine Art Elitetruppe zu Vorreitern der gewerkschaftlichen Einheit geworden sind. Die Neuorganisation der Zellen in den Betrieben auf Druck von unten hat dazu geführt, daß völlig neue Männer in der Gewerkschaftsorganisation nach oben drängen. Dieser Druck der Basis war es auch, der die drei Metallarbeiter-Hauptverbände vor wenigen Wochen zu dem Beschluß trieb, die Einheit für die Metallgewerkschaften im Jahre 1972 zu verwirklichen.

Daraufhin kam es beim kleinsten der drei Zentralverbände zum Krach. Das eilig zusammengerufene Zentralkomitee der UIL (Unione Italiana Lavoratori) verurteilte mit 39 gegen 32 Stimmen bei vier Enthaltungen den Schritt der Metallarbeiter-UIL als voreilig. Das Abstimmungsergebnis spiegelt ein prekäres Kräfteverhältnis: Innerhalb der UIL bilden die nach Einheit drängenden Sozialisten die stärkste Einzelgruppe, doch wurden sie im Zentralkomitee von Republikanern, Sozialdemokraten und autonomen Sozialisten überstimmt.

Die Metallarbeiter-Gewerkschaften konterten sofort. Sie gaben bekannt, daß sie nur noch die Beschlüsse der UIL-Metall als verbindlich ansehen würden und nicht mehr die des UIL-Zentralverbandes. Das gelte auch für Beschlüsse über Tarifverträge und Arbeitskämpfe. Damit hat sich die UIL-Metall faktisch von ihrer Muttergewerkschaft gelöst.

Innerhalb der UIL dauert die Auseinandersetzung an. Während die Sozialisten den Spruch des Zentralkomitees als Diktat verurteilten, gaben verschiedene Einzelgewerkschaften Treueerklärungen für die Zentralkomiteemehrheit ab. So verkündete die gleichfalls wichtige UIL-Landarbeitergewerkschaft, die Genossen von der Gewerkschaft Metall hätten wohl den „Klassenprimuskomplex“.

Weniger ausdrücklich, aber doch unverhohlen wird auch bei der christlich-demokratischen Hauptgewerkschaft CISL der Einheitsbeschluß der Metallarbeiter mißbilligt. Auch die CISL-Metallarbeiter werden in den kommenden Monaten den Widerstand ihrer Muttergewerkschaft zu spüren bekommen. Dennoch ist es wahrscheinlich, daß die Metallarbeitergewerkschaften auch ohne den Segen ihrer Zentralkomitees nächstes Jahr ihre Einheit organisatorisch vollenden. Ein großer Teil der Arbeigeber, unter anderen auch Fiat, begrüßt diese Entwicklung. Nach ihrer Ansicht verhandelt es sich leichter mit einem Kontrahenten als mit dreien. Außerdem bestehe so mehr Aussicht, daß die italienischen Gewerkschaften von Klassenkämpfern zu wirklichen Sozialpartnern würden. Friedhelm Gröteke