Von Wolf Donner

Andy Warhols Hauptbeschäftigung der letzten Jahre war es, als wandelndes Markenzeichen der Serienprodukte seiner New Yorker „factory“ (Filme, Platten, Bilder, die Filmzeitschrift inter/VIEW) zu fungieren und im übrigen „ein Mysterium zu bleiben“, wie er es selber nennt. Sein kürzlich im Londoner „Roundhouse“ aufgeführtes Theaterstück „Pork“, angeblich das erste von über achtzig und den Berichten nach eine miese Sex-Show, bringt wie sein jetzt auch auf deutsch erscheinender Roman „a“ Szenen, Figuren und Dialoge aus der „factory“. Auch seine zwei neuesten Filme, Remakes von „Der blaue Engel“ und Wilders „Sunset Boulevard“, sind bereits abgedreht, ebenfalls das neue Produkt seines Adlatus Paul Morrissey, „Heat“. Und während der Meister weiterhin seine berühmten Nonsens-Interviews gibt und viel Geld verdient, schreiben Journalisten der ganzen Welt immer wieder einmal die alten Warhol-Berichte um, die, säuberlich für Besucher gebunden, in der „factory“ ausliegen. Für die Perpetuation des Mythos ist gesorgt.

Der Constantin-Verleih, der mit großem Erfolg die „factory“-Produktionen „Flesh“ und „Trash“ von Morrissey herausbrachte, möchte auch weiterhin von diesem Mythos profitieren und hat zwei Warhol-Titel aus dem Jahr 1968 angekündigt: „Lonesome Cowboys“ und „Bitte Movie“. Das deutsche Publikum wird Warhols Filmschaffen also in umgekehrter Chronologie kennenlernen.

Die Filme seiner ersten, relativ langweiligen Periode 1963/64 wird jedoch keiner mehr sehen wollen. Sie zeigen bis zu acht Stunden lang in einer einzigen statischen, stummen Einstellung, was ihr Titel angibt: „Sleep“, „Eat“, „Kiss“, „Haircut“, „Empire“. Warhol tat damals nichts anderes, als das Verfahren seiner weltbekannten Pop-Bilder auf den Film zu übertragen: die mechanische Reproduktion beliebiger Objekte und Vorgänge („Ich möchte eine Maschine sein“), um sie als diese Gegenstände und Tätigkeiten bewußt zu machen und unser Sehen des Alltäglichen zu intensivieren: Passivität und scheinbare Lethargie nicht als Pose, sondern als bewußtes Programm, „eine Meditation über die objektive Welt“ (der amerikanische Filmkritiker Jonas Mekas).

Warhol, der ehemalige Werbefachmann, vollzog in wenigen Jahren die Entwicklung des Films noch einmal. Aber auch als Ton, Dialog, Bewegung und Schnitte hinzutraten(„Harlot“, „Kuchen“, „My Hustler“, „The Chelsea Girls“, „Nude Restaurant“ und Hunderte anderer, zwischen drei Minuten und fünfundzwanzig Stunden lang), behielt die Kamera dieselbe objektive, seismographische Funktion bei, auch, als sie sich nur noch auf das Spiel der „Superstars“ konzentrierte.

In „Lonsome Cowboys“ sindes Viva, Taylor Mead, Louis Waldon, Tom Hompertz, Joe Dallesandro und andere, in „Bitte Movie“ Viva und Waldon. Es gibt eine lose abgesprochene Handlung. Ein hübscher, schüchterner Junge bringt eine Gruppe Cowboys sowie eine Ranch-Besitzerin und deren tuntige „Amme“ in Verwirrung – eine Western-Groteske und eine „Romeo und Julia“-Paraphrase, die Cowboys sind bisexuell, und der Sheriff ist ein Transvestit. „Bitte Movie“ (Synonym für Schmutz- oder Pornofilm) zeigt ein Paar am Nachmittag in einem Appartement: Sie liegen auf einem Bett, sprechen über Freunde, Politik, Sex und alte Geschichten, machen Liebe, essen, duschen. (Eine Buchausgabe des Films im Verlag Kiepenheuer & Witsch, mit über hundert Photos und einer teilweise ungenauen Übersetzung, provoziert die falschen Erwartungen.)

Die Technik beider Filme ist die aller früheren von Warhol: Sie sind in der Kamera entstanden, manchmal über- und manchmal unterbelichtet, oft asynchron; bei jedem Wechsel der Filmrolle, des Objektivs oder der Einstellung blitzt und kracht es durch den Lichteinfall und das Ausschalten des Mikrophons. Aber neben diesen Kennzeichen einer scheinbar absichtlosen Bildführung stehen bewußt konstruierte und sorgfältig ausgeleuchtete Bilder. Es sind wie die feste Handlung Anzeichen für Warhols dritte Filmphase und für den Übergang zur „Inszenierung“, zur straffen Regie und zu den kommerziell orientierten Filmen von Morrissey, mit denen Viva und Waldon nichts mehr zu tun haben wollen. Viva, der etwas dürre Underground-Vamp mit den Augen von Greta Garbo, ging nach diesen zwei Filmen nach Hollywood und spielte die Hauptrolle in Agnes Vardas „Lions Love“, Waldon trat inzwischen in zwei deutschen Filmen auf (der Invalide in „Jaider“ und Pfarrer Oberlin in „Lenz“).