ARD, Mittwoch, 11. August: „Nachtschicht“, von Jürgen Schröder-Jahn

Anfang und Ende waren widerlich: Es gehört schon eine Prise Zynismus dazu, einen Film über die Nachtschicht und ihre inhumanen Aspekte mit dem Schlager In Hamburg sind die Nächte lang einzuleiten und ausklingen zu lassen – die Schnulze als einstimmende Introduktion und kulinarisch-unverbindliches Finale! Es war, als hätte der Verfasser dieser Beobachtungen in deutschen Betrieben, Jürgen Schröder-Jahn (unvergessen sein Bericht über die Arbeitspause), am Ende Angst vor der eigenen Courage bekommen, denn was er da zeigte in seinem Film, nüchtern, kenntnisreich und informativ, ließ die Gesellschaftsordnung, in der wir leben, zwar als effizient im technischen Sinn, aber nicht als menschlich erscheinen.

Drei Millionen Bundesbürger, so wurde demonstriert, arbeiten nachts, und nicht nur Männer, sondern auch Frauen (Frauen, für die seit anno 91 Nachtarbeit verboten ist, aber dieses Verbot hat die gleiche Wirkung wie das berühmte Nachtbackverbot: Die Betroffenen zucken mit der Achsel, wir sind ja schließlich nur Arbeitnehmer, was können wir denn schon tun, und wenn ein Kamera-Team kommt, stellt man halt die Uhr um ein paar Stunden vor und macht zum frühen Tag, was in Wahrheit noch hohe Nacht ist); 14 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung lassen den menschlichen Produktionsrhythmus vom Rhythmus der Maschinen bestimmen, und das nicht nur in Krankenhäusern oder den Zentren der Kommunikation, sondern auch in jenen Branchen, deren Produktionsmittel, um der rentablen Auslastung willen, nicht stillstehen dürfen: Bedenken Sie bitte, sagte ein leitender Herr der Textilindustrie, ein Arbeiter betreut bei uns einen Wert von ein und einer halben Million!

Die wertbetreuenden Arbeiter selbst freilich sahen das Problem ein wenig anders als die Eigner und Verwalter der Werte; für sie war die Nachtschicht zunächst einmal eine Frage ihrer Gesundheit (Was ich von der Nachtschicht halte? Nicht viel, wenn ich an meine Magenschmerzen denke). und wie es um die bestellt ist, bei den bestehenden Nachtarbeitszyklen, das erhellten medizinische Gutachten über verkürzte Schlafphasen und unzureichende Träume mit der gleichen Deutlichkeit wie exemplarische Fallstudien und Expertisen von Soziologen: gestörter Familienrhythmus, Reduktion des Lebensraums und Verkürzung der sozialen Perspektive als die Tribute der Nachtarbeit!

Das alles wurde ebenso exakt wie kühl analysiert, so daß der Betrachter am Bildschirm Gelegenheit erhielt, nach Abwägung des Pro (Schichtarbeit ist, beim gegebenen Stand der Produktivkräfte, unabdingbar, in einer sozialistischen nicht anders als in einer kapitalistischen Gesellschaft) und des Kontra (die akzidentelle Misere der Nachtarbeit besteht in ihrer Definition durch das Gesetz des Profits) und nach dem Durchdenken aller kleinen und größeren Verbesserungsvorschläge sich selber ein Urteil zu bilden.

Das freilich wäre erleichtert worden, wenn der Verfasser des Films seine eigene Ansicht mit der gleichen Entschiedenheit artikuliert und zur Diskussion gestellt hätte wie in dem Report über die Arbeitspause: Das eigentlich Diskriminierende – dies offenbar wollte er zeigen, Arbeiter vorführend, die Objekte waren und sich als Objekte empfanden – ist nicht die Nachtarbeit, sondern die Arbeit während der Nacht, verrichtet und unter Opfern ausgeübt zugunsten von Subjekten, die mit Mephisto sagen können: „Wenn ich sechs Hengste zahlen kann, sind ihre Kräfte nicht die meinen?“ Momos