Von Michael Naumann

Belfast im August

Irgend jemand hatte am vorletzten Wochenende, als in den Religionsgettos von Belfast und Londonderry über 500 Häuser in Flammen aufgingen, eine zehn Meter lange Frage an die Basaltmauer des protestantischen Friedhofs die weißelt: "Is there a life before death?" – "Gibt es ein Leben vor dem Tod?"

Eine Woche später war die Frage nur noch schwach lesbar, abgewaschen von der britischen Armee. Die 500 000 Katholiken Nordirlands warten noch immer auf eine Antwort. Sie bilden das völlig verarmte Fußvolk der britischen Geschichte und hinken dem Lebensstandard, dem Bildungsniveau und den Bürgerrechten ihrer protestantischen Landsleute um hundert Jahre hinterher.

Seit mehr als zwei Wochen, in denen das Internierungsgesetz des nordirischen Parlamentes in den katholischen Gettos angewendet wird, erschüttern nächtliche Bombenexplosionen die Städte. Die flüchtigen Terroristen der "Irish Republican Army" (IRA) versuchen unterzutauchen. Doch das gelingt ihnen nur selten, behauptet Marston Tickell, Generalstabschef der 12 500 britischen Soldaten in Nordirland: "Von den 230 Internierten Nordirlands sind 80 Angehörige der IRA – vor. allem Offiziere. Wir haben damit die Kommandostruktur der IRA zerstört."

Doch Marston Tickell täuscht sich: Die IRA und ihre Unterorganisation, die Republican Clubs (26 allein in Belfast), agieren noch immer lautstark für ein vereinigtes, von England unabhängiges Irland. Die Aktionen der britischen Truppen führen zu einer Solidarisierung der katholischen Bevölkerung mit der IRA; sie können den mit Bomben und Dynamit geführten Untergrundkampf nicht unterbrechen.

Joe Cahill, der 1941 wegen politischen Mordes verurteilte Führer der "provisorischen" IRA (einer rechtsradikalen Splittergruppe der irischen Armee) hielt unter den Augen der britischen Green Jackets letzte Woche in der St. Peter’s School mitten in Belfast eine Pressekonferenz ab. Dann verschwand er durch die Turnhalle wieder im Untergrund – nicht ohne vorher Terroranschläge auch in England angekündigt zu haben.