Von Adolf Metzner

Das Drama kulminierte schon im ersten Akt: Zum Höhepunkt der X. Europameisterschaften der Leichtathletik in Helsinki wurde bereits die erste Laufentscheidung über 10 000 Meter. Bis dahin war es nur zwei Menschen gelungen, diese Strecke in weniger 28 Minuten zurückzulegen: Dem Australier Ron Clarke und dem Engländer David Bedford. In dem Rennen von Helsinki, vor 35 000 hellbegeisterten Zuschauern, blieben aber die ersten fünf unter dieser Traumgrenze: ein Finne, ein Deutscher, ein Russe, ein Jugoslawe und ein Spanier. Dann erst kam als sechster der große Favorit Bedford, der diesmal um 4,4 Sekunden die 28-Minuten-Marke verfehlte. Alle 33 Läufer, darunter Letzerich mit DLV-Rekord als achter, die das Ziel erreichten, liefen schneller als Nurmi bei seinem Weltrekord in den zwanziger Jahren von 30,06 min. Der letzte, ein Portugiese, gerade noch um eine Sekunde. Väätäinen, der Sieger, hätte seinen Landsmann, der damals alle Weltrekorde von 1500 m bis zu einer Stunde hielt, gleich zweimal überrundet. Volle 800 Meter wäre der große Paavo, der sich mit den Überbleibseln einer Halbseitenlähmung herumplagt und deshalb nicht im Stadion war, zurückgeblieben. So treibt der Sport Striptease mit alten Idolen. Damals bejubelt, heute bloßgestellt und belächelt.

Tausendmal wurde schon die Frage gestellt, wie solch eine Leistungssteigerung zu erklären sei. Die Antwort klingt einfach: durch verbesserte Anpassung des menschlichen Organismus an die extreme Ausdauerbelastung. Das erfordert aber ein unerhört hartes, tägliches Training, wie man es sich früher überhaupt nicht vorstellen konnte. Ein Väätäinen trainiert heute etwa viermal soviel wie Nurmi, und dies noch mit wesentlich verbesserten Methoden. In einem Phantomkampf allerdings hätte ein modern trainierter Nurmi wahrscheinlich auch einen Väätäinen besiegt, dessen Tempo viermal so schnell wie das eines flott marschierenden Fußgängers ist. Wenn der Finne Juha Väätäinen auch einen Backenbart à la Kaiser Franz Josef trug, so schien er doch im äußeren Erscheinungsbild das genaue Gegenteil des Engländers David Bedford zu sein. Durchtrainiert bis zur letzten Faser, geprägt von jenem unerbittlichen Willensfanatismus, den die Finnen Sisu nennen, teilte er mit kühlem Kopf sein Rennen taktisch ein, so daß er noch Kraft genug zu jenem mörderischen Spurt besaß (die letzten 400 Meter in 54 Sekunden!), mit dem er Jürgen Haase, der den Hattrick, die dritte Europameisterschaft, erstrebte, niederrang.

Bedford wirkte gegen den Finnen eher wie ein Haschischraucher in einem Beatschuppen. In solch phantasievollen Spielarten gefällt sich heute die Askese. Mit hektischen, kräfteraubenden Zwischenspurts suchte er vergebens, wie auf der Flucht vor sich selbst, seine Widersacher abzuschütteln.

Vor dem Rennen hatten sich fünfzehn finnische Zeitnehmer, die in ihren korrekten dunklen Anzügen mit silbergrauer Krawatte wie würdige Empfangschefs aussahen, auf ihren Klappsitzen am Ziel postiert. Der hinreißende Kampf und der Sieg ihres Mannes, der die glorreichen Zeiten eines Kolehmainen, Ritola und Nurmi beschwor, ließ sie im Überschwang der Begeisterung ihr eigentliches Geschäft des objektiven Messens völlig vergessen. Eine kleine Katastrophe schien sich anzubahnen, niemand kannte die richtige Reihenfolge des Zieleinlaufes und niemand die genauen Zeiten. Die Sportpresse Europas, fast 1000 Reporter, wartete und wartete volle vier Stunden lang. Erst in der Nacht wurde das Ergebnis bekanntgegeben. Mit dem Fernsehaufzeichnungsgerät einer Schweizer Uhrenfirma und den dort in Hundertstel eingeblendeten Zeiten konnte, allerdings wegen der überrundeten Läufer nur in fast kriminalistischer erkennungsdienstlicher Kleinarbeit, der Schaden repariert werden.

Der größte Athlet dieser X. Europameisterschaften war aber nicht der vom Publikum enthusiastisch gefeierte Finne, sondern der Russe Lusis, der auch über mangelnden Beifall nicht klagen konnte. Die schönste Journalisten-Schnulze als headline in einer Boulevard-Zeitung: „Der Speer von Lusis drang Finnland mitten ins Herz.“ Das hätte aber nur mit einem exitus letalis für das arme Finnland enden können! Immerhin bohrte sich die Speerspitze des Russen jenseits der 90 Meter-Grenze in den Rasen, das genügte auch und bedeutete die vierte Europameisterschaft hintereinander seit 1962.

Seinem Landsmann aus Armenien, Igor Ter-Owanesian, machte Max Klauß aus der DDR einen Strichdurch seine Rechnung, auch viermal im Weitsprung zu siegen. Nur ein winziger Zentimeter fehlte. Tatsächlich war aber der Russe besser. Seine 7,91 m wurden bei 2,3 Meter Gegenwind erzielt, die 7,92 m von Klauß bei nur 0,1 Meter! Sehr störend wirkte sich in dieser Konkurrenz die fortwährend wechselnde Windströmung, die in Böen und Wirbeln durchs Stadion fegte, aus. Sie machte es so enorm schwer, den Balken zu treffen. Im Endkampf standen dann auch 12 Fehlsprünge 12 geglückten Versuchen gegenüber. Der Münchner Schwarz, der die Europabestleistung hält, wurde mit diesem Problem nicht fertig und kam nach zwei Fehlversuchen und einem 7,50 Meter-Sprung nicht in die Entscheidung. Baumgartner, der andere Deutsche, war sogar schon in der Qualifikation an den geforderten 7,70 Meter gescheitert.