Enttäuschend verlief die Vorstellung des jungen 100-Meter-Meisters Karl Heinz Klotz, der nach seinen Stuttgarter 10,1 Sekunden (die ja mit einer Verzögerung von 0,15 sec gemessen wurden, also in Wirklichkeit 10,3 Helsinki-Zeit entsprechen) von der Kritik mit großen Vorschußlorbeeren versehen worden war. Klotz, der im Halbfinale ausschied, war allerdings in schlechter körperlicher Verfassung. Aber auch ein Sprinter muß öfter als nur dreimal im Jahr an den Start gehen. Erfreulich Wucherers schöner zweiter Platz hinter dein in 10,3 sec bei einem Meter Gegenwind souverän siegenden Russen Borsow, der in diesem Jahr schon die amerikanische Sprinterelite geschlagen hat. Seine Überlegenheit war über 200 Meter mit beinahe vier Metern Vorsprung vor Hofmeister, der seine Leistung brachte, fast noch erdrückender. Borsow ist heute der schnellste Weiße der Welt, vielleicht der schnellste Sprinter überhaupt. Seine 20,3 sec entsprechen handgestoppten 20,1 Sekunden! Ob die Antillen-Sprinter tatsächlich und nicht nur auf dem Papier schneller sind?

Über 100 Meter Frauen war wie erwartet die wuchtige Renate Stecher aus der DDR nicht zu schlagen, die auch die 200 Meter gewann. Aber auf Platz zwei, drei und vier endeten in der kurzen Sprintstrecke schon die Läuferinnen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.

Der dritte Tag in Helsinki wurde zum schwarzen Donnerstag der Bundesdeutschen. Erst der unglückliche Sturz im 800-Meter-Rennen von Hildegard Falck, unserer Weltrekordläuferin, die von der fallenden Gunhild Hoffmeister aus dem Gleichgewicht gebracht wurde. Damit war der Weg frei für Vera Nikolic aus Jugoslawien, die in genau zwei Minuten als erste durchs Ziel ging und routiniert jeder Kollisionsmöglichkeit auswich. Der Vorfall zeigt aber, daß mit der Regelung, die ersten 100 Meter in Bahnen laufen zu lassen, das Problem nicht gelöst ist, da auf der Gegengeraden dann jeweils die große Rangelei um eine gute Position beginnt.

Dann kam das Ausscheiden von Europarekordmann Jellinghaus über 400 Meter im Zwischenlauf – und schließlich Bendlins Bandscheibenschaden, der ihm nach der neunten Übung im Zehnkampf ein Halt gebot und einer sicheren, Medaillenchance beraubte. An Sieg war zu diesem Zeitpunkt wohl kaum noch zu denken, wenn auch Theoretiker einen solchen noch errechneten. Dafür holte der Mediziner Walde Bronze, knapp gefolgt von dem jungen Heinz Ulrich Schulze, der sich tadellos schlug.

Die beherrschende Figur im Zehnkampf war der herkulische Joachim Kirst aus der DDR. Schon am ersten Tag verschaffte er sich einen Vorsprung von fast 400 Punkten vor Bendlin. Ganz überragend im Sprung und Stoß, 7,68 Meter weit, 2,13 Meter hoch und 16,59 Meter mit der Kugel. Allein 30 Zentimeter trennten die beiden Rivalen im Hochsprung, der Bendlins Schwäche ist. Aber auch Kirst ist nicht ganz ohne Fehl, er kann vorläufig noch nicht Hürdenlaufen. Verbessert er sich hier, wackelt der Weltrekord.

Obwohl die Russin Faina Melnik genau wie Liesel Westermann, die bis zum letzten Durchgang führte, nur zwei gültige Würfe von sechs Versuchen hatte, darf hier nicht von Glück gesprochen werden. Die „Diskusliesel“ verlor ihren Weltrekord an eine bessere. Angesichts der 64,22 Meter kann es keine Debatten geben.

  • Neben den sich häufenden Enttäuschungen im deutschen Lager erfreuten immer wieder einige Athleten durch gute Plätze. Die nur 1,54 Meter große Hamburgerin Inge Bödding setzte auf der Außenbahn im 400-Meter-Lauf alles auf eine Karte und wurde zweite hinter Helga Seidler aus der DDR. Aber über 800 Meter mußte Dieter Fromm von „drüben“ die oft beschworenen deutschen Farben (allerdings mit Hammer und Zirkel) gut vertreten. Diesmal reichte es nicht für ihn wie in Athen zur Goldmedaille. Der Russe Arshanow war zu stark. Dafür gelang Wolfgang Nordwig im Stabhochsprung der vielbejubelte Hattrick. Die 400 Meter Hürden gewann der Franzose Nallet, während über 400 Meter flach Jenkins auf der Außenbahn für den einzigen britischen Sieg sorgte.