Von Wolfgang Hoffmann

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Fritz Baier sieht schwarz und urteilt: "Das ist eine wahrhaft traurige Bilanz." Sein Fraktionskollege Ferdinand Erpenbeck qualifizierte die Politik von Wohnungsbauminister Lauritz Lauritzen gar als "Bankrotterklärung" ab. Der bayerische CSU-Politiker Franz Xaver Geisenhofer meinte, angesichts der Situation auf dem Wohnungsmarkt sitze "das Kabinett Brandt auf der Anklagebank". Und selbst der politisch der Regierung näherstehende Deutsche Mieterbund kam zu dem Schluß, "daß neue Wege der Wohnungsbauförderung gefunden werden müssen".

Was die Gemüter in Bonn bewegt, ist der statistisch festgestellte Rückgang des sozialen Wohnungsbaus im vergangenen Jahr. Wurden 1969 noch 183 000 Sozialwohnungen fertiggestellt, so sank die Zahl der fertiggestellten Sozialbehausungen im vergangenen Jahr auf 134 000 (bei insgesamt 477 903 Neubauwohnungen). Die Kritiker übersahen freilich, daß im gleichen Jahr immerhin noch nahezu 170 000 Bewilligungen für den Bau von Sozialwohnungen vergeben wurden. Daß dennoch weniger gebaut und fertiggestellt wurde, hat nach Ansicht von Hans-Peter Jochimsen, Sprecher des Wohnungsbauministeriums, zwei Gründe: "Wir hatten 1970 das Jahr mit den höchsten Baupreissteigerungen, nämlich 16 Prozent. Außerdem waren die übrigen Finanzierungsmittel auf dem Kapitalmarkt überaus teuer."

Den Wohnungsbauminister läßt die massive Kritik an seiner Politik denn auch unbeirrt. Er erinnert die Opposition vielmehr an deren eigene Sünden: "Durch die von der früheren Regierungspartei beschlossene Depression der Wohnungsbaumittel des Bundes verlor der soziale Wohnungsbau seine ursprüngliche Priorität."

In der Tat hat bereits Ex-Wohnungsbauminister Paul Lücke (CDU) mit seiner Eigenheim-Ideologie ("klein, fein, mein") den Grundstein für die derzeit entstandene Lücke im sozialen Wohnungsbau gelegt. Auf Grund einer Fehleinschätzung des Wohnraumbedarfs der Zukunft waren die Mittel für den sozialen Wohnungsbau schon vor der Zeit der Großen Koalition erheblich reduziert worden. So sanken die Zuschüsse des Bundes für Kapitalsubventionen im Wohnungsbau von fast 40 Prozent im Jahre 1962 auf acht Prozent im Jahr 1966. Die Förderung des gesamten Wohnungsbaus war bis 1966 nahezu halbiert worden.

Die Fehler der Lücke-Schätzung wurden noch zu Zeiten der Großen Koalition unter dem CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger aufgedeckt. Die 1968 eingeleitete Wohnungszählung, die später zur Grundlage der neuen Lauritzen-Politik wurde, zeigte, daß es keinen Grund gab, die Hände in den Schoß zu legen. Danach lebten:

  • 800 000 Familien und Haushalte in Baracken, Nissenhütten und sonstigen unzureichenden Wohngelegenheiten oder gär nur zur Untermiete;
  • waren eine Million Wohnungen in abbruchreifem oder unwürdigem Zustand, der nur durch Neubauten ersetzt werden kann.