Von Theo Sommer

Die Pekinger Führer haben den Bambusvorhang ein wenig gelüftet. Henry Kissinger folgten drei renommierte westliche Journalisten auf dem Fuße: James Reston von der New York Times Robert Guillain von Le Monde und Jean Lacouture vom Nouvel Observateur. Vor allem Tschu En-lai hat ihnen in langen Unterhaltungen ein recht genaues Bild der Motive und Ziele der chinesischen Außenpolitik vermittelt.

Zweierlei strebt China an: kurzfristig den Rückzug der Vereinigten Staaten aus Indochina und dem ganzen Westpazifik, langfristig die Eindämmung Japans, dessen Wiedererstarken die Männer um Mao Tse-tung noch mehr zu ängstigen scheint als der sowjetrussische Aufmarsch entlang Chinas asiatischer Landgrenze.

Tschu En-lai gab sich in allen Gesprächen diplomatisch: verhalten, unpolemisch, friedfertig. Nichts da vom Revolutionär, der in aller Welt kleine Feuerchen legen möchte; vielmehr sprach der Mann von Bandung, der Vertreter der friedlichen Koexistenz. Hilfe für andere Völker? "Nur wenn sie angegriffen werden." Kein nukleares Auftrumpfen: "Wir sind keine Atommacht. Wir stecken erst im Versuchsstadium". Keinerlei Drängen, daß das Taiwan-Problem zuerst gelöst werden müsse, im Gegenteil: "Gegenwärtig ist Vietnam die vordringlichste Frage." Dort werde Krieg geführt, in Taiwan nicht. Auch sonst keine Überstürzung: "Wir haben schon über zwanzig Jahre lang gewartet, wir können auch noch ein weiteres Jahr warten."

Doch Tschu ließ nicht den geringsten Zweifel: Die Vereinigten Staaten sollen ihre Truppen aus Asien zurückziehen. Aus Vietnam, Laos und Kambodscha; aus Taiwan, womit dann der Beistandsvertrag zwischen Taipeh und Washington hinfällig würde; aus Japan und aus den Philippinen; nicht zu vergessen aus Südkorea. Und was Taiwan anbelangt, so machte Maos Premierminister überdeutlich, daß er nur Taiwans "Heimkehr ins Mutterland" als gerechte Lösung betrachtet. Jeglichen Kompromiß – zwei Chinas oder ein China plus ein unabhängiges Taiwan – lehnte er ab. – Wenn ein: Vertreter Tschiang Kai-scheks in der Weltorganisation bleibe, werde Peking der Weltorganisation nicht beitreten können.

Richard Nixon wird es in dieser Frage nicht leicht haben. Gewiß, Tschu setzte ihn weder unter Termindruck noch unter irgendeinen Einigungszwang: "Wir erwarten nicht, daß alle Fragen auf einen Streich gelöst werden. Das ist nicht möglich. Das wäre, nicht praktikabel. Doch wenn wir Fühlung miteinander aufnehmen, können wir vielleicht herausfinden, wo wir bei der Lösung dieser Fragen anfangen sollten." Tschu für sein Teil weiß freilich genau, worauf er hinaus will.

Was an seinen Ausführungen am meisten überraschte, war jedoch nicht dies, sondern das abgrundtiefe Mißtrauen gegenüber Japan, das all die Unterhaltungen mit den westlichen Zeitungsleuten beherrschte. Fast beschwörend erinnerte der Premier den Amerikaner James Reston an vergangene Waffenbrüderschaft: "Sie waren doch auch ein Opfer des japanischen Militarismus... Ich weiß, daß Sie noch immer an Pearl Harbor denken."