Von Joachim Schwelien

Washington, im August

Die geplante Pekingreise Präsident Nixons hat in Asien weitreichende Wirkungen, noch ehe sie überhaupt stattgefunden hat. Diese Nebeneffekte könnten am Ende bedeutsamer werden als das Ergebnis jener Gespräche, die Nixon mit Tschu En-lai und Mao Tse-tung zu führen gedenkt. Sie werden nach vorherrschender Washingtoner Auffassung nicht viel mehr bringen als den Beginn eines langwierigen Prozesses: der Interessenabgrenzung zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China. Dabei müssen schwere Brocken auf dem Pfad zur Normalisierung weggeräumt werden. Das kann lange Zeit beanspruchen, denn Peking fordert viel und hat wenig zu bieten.

Dennoch hat schon die Aussicht auf eine amerikanisch-chinesische Annäherung in Asien vieles in Bewegung gebracht, was zu festen Fronten erstarrt war, solange Amerika noch die Isolierung des kommunistischen China betrieb. In der Epoche der Feindschaft mit Peking sind in Asien proamerikanische Loyalitäten entstanden, die jetzt zwar nicht sogleich zerfallen, aber abzubröckeln beginnen und sich in der Zukunft ganz verflüchtigen könnten. Ein aktuelles Beispiel bietet das Verhalten Indiens.

Im Grenzkonflikt mit China von 1962, in den bewaffneten Auseinandersetzungen mit Pakistan über Kaschmir von 1965 bemühte sich Neu-Delhi stets um die ausgewogene Unterstützung sowohl der Vereinigten Staaten als auch der Sowjetunion. Heute, bei der erneut heraufziehenden Gefahr eines Zusammenstoßes mit Pakistan, schließt und ratifiziert es dagegen in aller Eile einen Freundschafts- und Konsultationspakt mit Moskau, der das Ende der indischen Allianzfreiheit markiert. Die Sowjetunion ist auf diesen Vertrag – so urteilt die amerikanische Regierung – zwar nur so schnell eingegangen, um Indien vor einer überstürzten Intervention zugunsten der ostbengalischen Autonomiebewegung abzuhalten, die Westpakistan als Kriegsgrund hätte ausschlachten können; Moskau möchte keinen offenen Krieg. Aber die von Indien geforderte und von der Sowjetunion gewährte Unterstützung stärkt auch die Basis der wachsenden sowjetischen Flottenpräsenz im Indischen Ozean.

Dies alles wiederum wurde bewirkt durch das indirekte Zusammenwirken Pekings und Washingtons gegenüber Pakistan – ein typischer Fall außenpolitischer Kongruenz ohne Absprache. China stützt Pakistan wegen der gemeinsamen Gegnerschaft gegen Indien. Mao Tse-tung liefert derzeit Waffen für die Ausrüstung von zwei pakistanischen Infanteriedivisionen. Doch auch Nixon läßt weiter Waffen nach Pakistan liefern, das – anders als das so lange neutralistische Indien – als CENTO-Mitglied wie als passives Mitglied der SEATO zum größeren amerikanischen Schutz- und Bündnisbereich zählt. Die amerikanische Unterstützung für Pakistan wurde in einer Zeit besonders gefördert, in der Washington befürchtete, es könne sich eng an Peking anlehnen; die daraus entstandenen Bindungen sind nun aber, da die Entspannung zwischen den Vereinigten Staaten und China eintritt, genausogut zu gebrauchen.

Drastischer noch sind die Folgen von Nixons neuer Chinapolitik für Japan. Viele Jahre lang hatte es im Schlepptau Washingtons auf die nationalchinesische Karte gesetzt und viel Kapital auf Formosa investiert, Festlandchina hingegen politisch auf Distanz gehalten (wenn auch der Handel erheblich intensiviert wurde). Die Nachricht von Nixons Reiseplan zwingt die japanische Regierung unversehens zu einer Überprüfung ihrer Chinapolitik und Militärpolitik. Gewiß wird sie in beiden Bereichen das Steuer nicht von heute auf morgen um 180 Grad herumreißen können, aber Tokio kann nicht untätig bleiben, falls eine amerikanisch-chinesische Verständigung eintritt.