Von Kai Krüger

Es war eine honorige Gesellschaft, die da am Hang des flachen Sommerdeiches stand. Jeder der Herren trug einen Anzug mit Krawatte und hatte einen Aktendeckel in der Hand: Hamburgs Kommission für die Prüfung zum Landwirtschaftsmeister. Der Gegenstand ihrer Bemühungen, Prüfling Hans-Werner Soltau, 24, blond und im graugrünen, kurzen Arbeitskittel des Landmannes, stand vor ihnen im Gerstenfeld und drehte zwei ausgerupfte Halme in der Hand. Seine Aufgabe: Beurteilung dieses Gerstenschlages.

Sein Leidensgenosse an jenem Prüfungsmorgen, Harald Beyn, 24, war schon auf der Weide beim Milchvieh, das er beurteilen sollte. Aber vorher war Soltau noch mit dem Lehrling und dem Pflug dran. Aufgabe: Zeigen Sie Ihre pädagogischen Fähigkeiten, indem Sie einem Lehrling den Umgang mit dem Pflug erklären.

Das ging zunächst auf dem Hof vor sich. Da stand der Traktor, dahinter der Vierscharpflug und davor der „Lehrling“, ein Gehilfe vom Hof, der Pflug und Traktor wie seine Westentasche kannte – ganz im Gegensatz zu Prüfling Soltau, der ihm nun erklären sollte, wie man beide miteinander verbindet. Die Übung erforderte mehr schauspielerisches als landwirtschaftliches Talent, und schnell wurde deutlich, daß die beiden Protagonisten aus der Landwirtschaft kamen. Während Soltau noch sinnierte, wie er gewissen Tücken des ihm unbekannten Objektes beikommen könne, langte sein Stift bereits unterm Traktorsitz zum Hammer und half mit geübten Schlägen nach, wo es nicht ganz passen wollte.

Das machte er zwar jeden Morgen- so, wenn’s ans Pflügen ging, doch diesen Morgen war es falsch, wie die hochgezogenen Augenbrauen der prüfenden, Herren signalisierten. Man einigte sich schließlich, den Pflug so zu nehmen, wie er war, Kommission und Prüfling bestiegen ihre Chrysler und Fords, der Lehrling seinen Traktor, und man fuhr hinaus zum Acker. Nach erneuten Fehlschlägen – Soltau: „So liegt er auf der Nase, aber da kann ich nichts bei machen“ – gab der Lehrling Gas und machte da weiter, wo er gestern aufgehört hatte.

Schwerfällig warfen sich die fetten Schollen, und der Prüfling meinte ungeniert: „Da haben Sie mir aber den schwierigsten Boden angedreht, den es in der ganzen-Gegend gibt.“ Die Kommission konterte freundlich: „Da können Sie sich wenigstens richtig, dran beweisen“ und schickte ihn dann ins benachbarte Rapsfeld, wo er seine nächste Aufgäbe lösen sollte, die Beurteilung des Rapses.

Möwen hackten im Kielwasser des Pfluges kreischend nach Würmern und Engerlingen, und die Honoratioren traten zusammen, um über die Zensur zu beraten! Er kam mit einer Vier davon, eine Fünf hätte das Ende bedeutet: „Auf die pädagogischen Fähigkeiten legen wir sehr großen Wert“, sagte Dr. Georg Rosebrock, Oberlandwirtschaftsrat und Leiter der Hamburger Landwirtschaftsschule, „wer da eine Fünf baut, fällt durch.“