Wenige Feldzüge haben die Phantasie der Mit- und Nachwelt so sehr beschäftigt wie jener, den Napoleon 1812 gegen Rußland führte. Binnen eines halben Jahres ging eine halbe Million Soldaten der Grande Armee zugrunde, „von Gott geschlagen“, wie das Volk sang. Von den insgesamt 600 000 Kombattanten des Kaisers in diesem Krieg waren 150 000 Deutsche. Diese Zahl galt damals als gewaltig, und nicht zufällig hat Heine diesem Unternehmen epische Dimensionen zuerkannt. Wie ein Epos ist den Überlebenden das Kriegsgeschehen auch vorgekommen, das beweisen die ungezählten Publikationen ihrer Memoiren, Briefe und Tagebücher. Die Deutschen waren dabei die schreibfreudigsten.

Heinrich Wesemann aus Söhlde war Soldat des Königs Jérôme von Westfalen, gehörte also zu jenen 28 000 Westfalen, von denen nur einige Hundert die Heimat wiedersahen. In akkurater Handschrift hat der spätere Schafmeister in knapper Form für seine Familie das aufgezeichnet, was ihm von seinen Erlebnissen als buchenswert erschien.

„Kanonier des Kaisers. Kriegstagebuch des Heinrich Wesemann 1808–1814“; herausgegeben und mit einer Einleitung von Hans Otto Wesemann; Verlag Wissenschaft und Politik Berend von Nottbeck, Köln 1971; 110 Seiten, 12,50 DM.

Soweit das die Kriegserlebnisse betrifft, berichtete er nichts, was man nicht auch in anderen Augenzeugenberichten finden kann. Für uns ist seine schlichte, ganz unprätentiös geschriebene Chronik erst dort interessant, wo er von seinen Erlebnissen in russischer Kriegsgefangenschaft erzählt.

Schon damals hat die Kriegsgefangenschaft in Rußland dazu beigetragen, liebgewordene westeuropäische Vorurteile zu zerstören. Was der redliche Wesemann vom russischen Volk, seinem Leben und seinen Bräuchen gesehen hat – und er hat die Augen gut aufgemacht –, findet Bestätigung in Dutzend ähnlichen Schilderungen, die Wesemanns Bericht in einigen Details noch bereichert. Ihn hat es bis nach Orlow (bei Kirow) verschlagen, das er Mitte Januar 1814 verlassen durfte. Am 22. Juli war er wieder in Söhlde, und das Erlebte faßte er in den Schlußsatz zusammen, dessen lapidare und kunstlose Aussage erschüttert: „Aus meinem Geburtsorte waren 19 Mann mit der Armee fortgegangen, von denen nur ich und noch einer, also 2. Mann, zurückgekehrt sind.“

Der Herausgeber, ein Nachfahre, hat zum besseren Verständnis Anmerkungen beigesteuert, über die sein Ahn vielfach wohl nur den Kopf geschüttelt hätte. Was da an militärhistorischen Erläuterungen zum besten gegeben wird, ist von solcher Ahnungslosigkeit, daß wir sie mit barmherzigem Schweigen übergehen wollen.

Eckhart Kleßmann