In der Devotionalienecke der Westdeutschen Rektorenkonferenz wird demnächst der achtzehnte Präsident eingerahmt an der Wand hängen. Am vergangenen Montag übergab Professor Hans Rumpf seinem Nachfolger, dem bisherigen Bonner Rektor Gerald Grünwald, die Amtsgeschäfte und bestellte zum letztenmal die Fahrkarte nach Hause, diesmal nur; "einfach": Nach dreijähriger Präsidentschaft kehrt der Sechzigjährige in sein Institut an der Technischen Universität Karlsruhe zurück.

Unter Hans Rumpf war die Westdeutsche Rektorenkonferenz (WRK) hin und wieder unter Linksverdacht geraten. Das lag an der beharrlichen Konsequenz, mit der er den hochschulpolitischen Reformkurs der WRK steuert und daran, daß auch Assistenten und Studenten ihn unterstützten. Bei dem herrschenden Mißtrauen zwischen den Hochschulgruppen reichte eine solche Politik bereits für ideologische Unterstellungen. Es war jedoch vor allem Hans Rumpfs Gerechtigkeitssinn, der ihn in unruhigen Jahren zu einem Integrationssymbol machte. Diese Qualität konnte sich um so wirkungsvoller entfalten, als der gelernte Verfahrenstechniker schlechterdings nicht zu beleidigen war.

Auch außerhalb der Hochschulen, im Bonner Lager der Wissenschaftspolitik, brachte ihm sein Kurs nicht immer Dank ein. Die Gründe dafür liegen in der Entwicklung der letzten beiden Jahre. Solange die Hochschulen nur eine Außenseiterrolle in der Politik und in den Haushaltsplänen spielten, solange konnte sich auch die WRK ein Selbstverständnis leisten, das sich aus dem Autonomieanspruch der Universitäten ableitete und in der Praxis ohne Folgen blieb!

Die WRK hat weder institutionell Macht, noch hat sie Geld zu verteilen. Als "Organ der hochschulpolitischen Willensbildung" kann sie nur Empfehlungen anbieten, die sich ihre Mitglieder zu Herzen nehmen oder auch in den Wind schlagen können. Diese Schwäche wurde immer deutlicher, je stärker Bund und Länder in die Hochschulpolitik eingriffen und das Gesetz des Handelns an sich zogen. Offenbar wurde das an den Auseinandersetzungen über das Hochschulrahmengesetz. Die WRK legte einen glänzenden Alternativentwurf vor, der sachbezogen und in der Theorie logisch war und nur einen entscheidenden Fehler hatte: Die Rektoren fanden niemanden, der ihre Vorstellungen für sie hätte politisch durchsetzen können oder wollen.

Daß ihre Drahtseilakte als freischwebende Künstler zunehmend Ungeduld und Überdruß hervorrufen, bemerkte der neue Präsident Grünwald, noch bevor er sein Amt richtig angetreten hatte. Indignation verursachte bereits sein erstes Interview, das er – eher aus Unschuld denn aus Überlegung – dem SPD-Parteiorgan "Vorwärts" gab. Er bekannte darin, daß er das "Werben um die ‚Große Koalition’" in der Bildungspolitik "mit Beklemmung" verfolge; daß er in der WRK den "Motor einer klar konzipierten und ausgewogenen Reform" sehe; auf die Frage, ob er den "antireformerischen Kräften" in den Forschungsorganisationen entgegentreten wolle, ließ er erkennen, daß er zu allem bereit sei. So harmlos das war – es langte: für die Präsidenten der Wissenschaftsorganisationen war das ein neuerlicher Beweis für die Gewohnheit der WRK, von progressiven Parolen auszugehen, aber nicht von ihren Beständen.

So hätte beispielsweise viel mehr interessiert, auf welche Weise der neue Präsident der chronischen Finanzkrise der WRK beizukommen gedenkt. Der Haushalt beträgt nicht viel mehr als eine Million Mark – ein lächerlich geringer Betrag, gemessen an dem Etat anderer Organisationen –, der dennoch nur mit Hängen und Würgen gedeckt wird. Zu sechzig Prozent besteht er aus Mitgliedsbeiträgen – jedenfalls ist das die Fiktion der WRK; in der Realität sind es Zuschüsse der Kultusministerien, die in vielen Fällen im Haushalt der Universitäten gar nicht auftauchen. Über die Zuwachsrate des WRK-Haushaltes bestimmt die Kultusministerkonferenz; die WRK-Mitglieder haben es bisher vorgezogen, sich mit derlei ökonomischen Lapidarproblemen nicht zu befassen. Wenn sie es täten, müßten sie sich eingestehen, daß die Administration in den Kultusministerien die WRK schon längst zur intellektuellen Spielwiese degradiert hat. Entscheidungen fallen anderswo.

Das Wasser, das Hans Rumpf unter Aufbietung aller seiner Kräfte auf die Felder der WRK gepumpt hat, nicht sofort wieder ablaufen zu lassen, wird die erste und wichtigste Aufgabe für seinen Nachfolger sein müssen. Mit 42 Jahren ist Gerald Grünwald der bisher jüngste WRK-Präsident; sicherlich ist er auch der am besten aussehende: Der Strafrechtler – er gehört mit zu den sechzehn "Alternativ-Professoren", die an der Reform des Strafrechts arbeiten – wäre als Perry Mason für jedes Besetzungsbüro eine gute Wahl.

Als Hochschulpolitiker wird er beweisen müssen, ob er das WRK-Talent zur brinkmanship hat, das Talent, nahe am Abgrund zu balancieren, ohne in die totale Belanglosigkeit abzugleiten. Da sie diese Gefahr bisher kaum zur Kenntnis genommen haben, haben sich die Rektoren davon auch nicht stören lassen. Aber sollte die WRK doch nicht mehr zu ändern sein – einen Trost gibt es noch, sofern man ihre Unangepaßtheit zugleich auch als ihre Stärke betrachtet: Dann wird sie zur moralischen Anstalt, die den Rektoren wenigstens Maßstäbe zur Orientierung setzt, an denen sachbezogene Ideale einer Hochschulpolitik gemessen werden können. Ob sie in die politische Landschaft passen, ist dann gleichgültig. Hans Rumpf nannte das die "Kompetenz der Kompetenzlosen". Nina Grunenberg