„Wellen“, Roman von Eduard von Keyserling. Ein maßvoll tristes Schicksal hat der kurländische Graf von Keyserling der Heldin seines 1911 erschienenen Romans zugedacht: Doralice ist ihrem ältlichen, im Korsett seiner Konventionen zerbröckelnden gräflichen Gemahl mit einem unstandesgemäßen Maler durchgegangen. In einem Seebad, unter dem katalysatorischen Einfluß des enervierend urgewaltigen Meeres und angesichts einer trivialen Alltäglichkeit, in der sich die etwas flache Selbstgewißheit ihres Hans als nicht ganz identisch mit der erträumten ungebrochenstarken Natürlichkeit erweist, schlagen der Liebe Wellen weniger hoch: Die mit gesellschaftlicher Deklassierung erkaufte „Freiheit“ scheint ihr dem gefürchteten Alleinsein zum Verwechseln zunehmend ähnlicher. Als dann zum bösen Ende der Maler ausgerechnet in der Nacht vor der möglicherweise alles wieder ins Lot bringenden Aussprache von einer leichtsinnigen Bootsfahrt nicht mehr zurückkehrt, bleiben ihr nurmehr elegische Strandspaziergänge an der Seite eines verwachsenen, abgeklärten Geheimrats und das Mitleid des Autors. Diese gefühlsträchtige, teilweise kolportagehafte Handlung, stets auf halbem Wege zum Abgleiten ins sentimentale Klischee, ist jedoch nicht effektvoll gefühliger Selbstzweck, sondern bildet das Gerüst zur lakonisch unterspielenden, ein wenig mitleidig-ironischen Ausbreitung resignativer Stimmungen, die wiederum Zeichen sind für den Zustand eines von der Zeit überholten, den eigenen Verfall durch „Haltung“ kultivierenden Milieus. Und Keyserling ist selbst zu sehr Teil dieser moribunden Welt, um ihr Scheitern anders als mit melancholischer Sympathie zu beschreiben, es anders als allgemein-„existenziell“ zu interpretieren. So ist sein Werk nicht nur feingefühlte Darstellung, sondern, bei aller distanzierenden Verhaltenheit, selbst Symptom dieser Dekadenz. (S. Fischer Verlag, Frankfurt; 211 S., 16,– DM)

Rainer Zimmer

„Gastarbeiter = Mitbürger“ – Bilder, Fakten, Chancen, Modelle, Dokumente; herausgegeben von René Leudesdorff und Horst Zillessen.

Die Tatsache, daß ein Viertel aller männlichen ausländischen Arbeitnehmer ihre Existenz schon seit mehr als sieben Jahren in der Bundesrepublik fristet, ließ Realpolitiker bereits von „ausländischen Mitarbeitern“ sprechen – „Mitbürger“ will sie bislang noch kaum einer nennen. Anders die vorwiegend kirchlichen Kreise, die hier zu Wort und Tat gekommen sind. Denn diese Dokumentation mit Statistiken und Aufsätzen zum wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und juristischen Aspekt der Ausländer-Beschäftigung, mit Aufzeichnungen über Modellversuche zur Information, Solidarisierung und politischen Aktivierung von Gast- und Stammbürgern, mit Auszügen aus dem in seiner Demokratie- und Menschenrechtswidrigkeit selbst vom NS-Staat unübertroffenen Ausländergesetz versteht sich als „Handbuch“ für alle, die erkennen, daß in der rechtlichen Gleichstellung der ausländischen Arbeiter mit deutschen Staatsbürgern die einzige Alternative zu Diskriminierung, Ausbeutung und Proletarisierung dieser Minderheit liegt. Nur wenn ihr die Rechte zugestanden werden, die eine politische Willensbildung und -vertretung ermöglichen (Freiheit der Meinungsäußerung, Versammlungs- und Organisationsfreiheit, aktives und passives Wahlrecht für Betriebsräte, Kommunen, Land- und Bundestag), kann nach Meinung der Autoren und beteiligten Aktionsgruppen dieses humanitäre Ziel erreicht werden, das damit freilich über die offiziell angestrebte „Integration“ der ausländischen Arbeitnehmer weit hinausweist. (Burckhardthaus-Verlag, Gelnhausen; 366 S., 20,– DM) Elena Schöfer