Von Hansjakob Stehle

La Valetta, im August

Wenn sich Taktik in Szene setzen läßt, so war dies ein Paradestück: Pünktlich mit dem achten Glockenschlag von La Valettas zahllosen Kirchtürmen betrat Michail Smirnoswski, Botschafter des Kreml, die Auberge d’Arragon, das 400jährige Regierungsgebäude Maltas. Für einen Augenblick mochte es dem Sowjetbotschafter wohl scheinen, daß die Schwüle dieses Augustabends auch die Wachposten gelähmt und an der Ehrenbezeugung gehindert haben könnte. Doch die beiden geharnischten Malteser-Ritter, die an die heroischen Zeiten der Insel erinnern, sind ausgestopfte Attrappen. Vielleicht hat der sowjetische Diplomat über diesen Empfang nachgesonnen – Zeit dazu hatte er, denn Ministerpräsident Mintoff ließ ihn fast eine Dreiviertelstunde im Wartezimmer schwitzen.

Mintoff, dem das Protokoll nie so wichtig ist wie die Sache, war noch ins Gespräch mit Libyens Vizepremier Jallud vertieft, der – so munkelte man schon im voraus – ein millionenschweres Hilfsversprechen für Malta mitgebracht haben sollte. Gefolgt von einem uniformierten, bewaffneten Leibwächter verließ der Araber das Palais just in dem Augenblick, als Smirnowskis ungeduldiges Gesicht an einem Fenster sichtbar wurde. Mintoff, im offenen kurzärmeligen Hemd, drehte nun dem eben noch überschwenglich verabschiedeten Gast den Rücken und rannte mit sportlichen Sprüngen zurück, die Treppe hinauf.

Nach eineinhalb Stunden erschien er wieder, jetzt mit Jacke, Krawatte und dem Sowjetbotschafter. Höflicher Abschied. Smirnowski, ein hagerer, fast schüchtern wirkender Mann, blickte sich suchend um. Eigentlich ohne Hoffnung auf Antwort, frage ich ihn: "Haben Sie Mr. Mintoff ein Angebot unterbreitet?" Und schon greift der Diplomat erleichtert in die Tasche, zieht ein handgeschriebenes Papier hervor und liest: ". ... daß die Sowjetunion eine Bitte Maltas um Wirtschaftshilfe wohlwollend in Betracht ziehen würde .. ., daß sie keinerlei Bedingungen stellen würde, die Maltas territoriale Integrität und Souveränität beeinträchtigen könnten."

Mintoff hätte sich kaum mehr wünschen können, um seine britischen Verhandlungspartner, denen er seit Wochen zäh eine verdoppelte Finanzhilfe abzuringen sucht, unter Druck zu setzen. Aber will der ebenso ungestüme wie schlaue Regierungschef wirklich die sowjetische Karte spielen und den Bruch mit dem Westen wagen?

Wer ihn am Montag bei der Parlamentseröffnung in Valetta – auch der Sowjetbotschafter war dabei – den feierlichen Eid als "treuer Untertan Ihrer Majestät Königin Elisabeth" leisten sah, mußte spüren, daß dies keine Farce war. Das Aufbegehren, das selbst jene Opponenten Mintoffs gutheißen, die ihm sonst vorwerfen, zu hoch zu spielen, kommt von einer Insel, die immer noch stolz ist, das Viktoria-Kreuz, Englands höchste Tapferkeitsauszeichnung, in der Staatsflagge zu führen.