Einmal im Jahr geht es. in Paris zu, als würde die Metropole an der Seine evakuiert: Die Ausfallstraßen sind noch heilloser verstopft als sonst, die Bahnsteige quellen über vor Reiselustigen, auf den Flughäfen stauen sich die Passagiere. Am 31. Juli geht Paris in Ferien. Im vergangenen Jahr hatten vier Millionen Einwohner der Acht-Millionen-Stadt während des Monats August den Rücken, gekehrt.

Doch nicht nur Paris huldigt alljährlich dem grand depart, dem großen Aufbruch in den Urlaub. Etwa 80 Prozent aller Franzosen sind „Augustler“ (aoütiens), starten also Schlagartig Anfang August in den Urlaub. In diesem Sommer stellte die Eisenbahn über 1700 Sonderzüge bereit, und Air France bot 40 000 zusätzliche Plätze in ihren Flugzeugen an. Daß Ferien auch im Juni oder September ihren Reiz haben, das scheint sich bei unseren Nachbarn noch nicht herumgesprochen zu haben.

Dabei kostet der jährliche Exodus aus den Städten die Franzosen eine Menge Geld. Nicht nur daß Hotels und Restaurants in den Urlaubszentren gezwungen sind, während der kurzen Saison ihre Geschäfte (zu hohen Preisen) zu machen. Die Wirtschaft muß beträchtliche Ausfälle verkraften, da die Produktion in vielen Branchen gleichzeitig für einen Monat ruht. Kenner schätzen, daß die Produktion während der Monate Juli und August um etwa 40 Prozent zurückgeht.

Mit dem schlechten Beispiel geht die Automobilindustrie voran. Bis auf Berliet in Lyon stehen zur Zeit in dieser Branche, alle Räder still. Auch dringende Ermahnungen der Regierung, die Werksferien wenigstens in den Juli zu verlegen, nutzten nichts. Selbst das Staatsunternehmen Renault macht im August die Werkstore dicht.

Schon im Februar hatte Premierminister Jacques Chaban-Delmas eine steuerliche Belohnung für die Betriebe angekündigt, die im August arbeiten wollten. Doch auch in diesem Jahr blieb es bei Versprechungen und Beteuerungen guten Willens: Allein in und um Paris schlossen am 31. Juli 65 Prozent der großen Betriebe der Metallindustrie ihre Pforten. Chabans Klage über die „äußerst schädlichen Folgen dieser übertriebenen Ferienkonzentration“ verhallte ungehört. Unternehmer empfinden die Ferienverlegung immer nochmals „Abenteuer“ (so das Wirtschaftsmagazin Entreprise).

Seit 1965 hat jeder französische Arbeitnehmer vier Wochen bezahlten Urlaub im Jahr. Ihn auf mehrere Monate zu verteilen, kann den Franzosen jedoch nicht locken. Selbst bis 20 Prozent billigere Preise für Juni und September, wie sie jüngst von 26 Urlaubszentren propagiert wurden, lassen ihn ziemlich kalt.

Auch die Schulbehörden sind nicht imstande, die Feriengewohnheiten zu ändern. Vor Jahren hatten die großen Ferien im Norden zehn Tage früher begonnen als im Süden des Landes. Doch diese Regelung wurde 1969 den Protesten, der Lehrer geopfert: Frankreichs Pennäler werden alle am gleichen Tag in die Ferien geschickt. Zu einer „brutalen Reform“ dieses Systems kann sich Erziehungsminister Olivier Guichard trotz besserer Einsicht nicht entschließen.