Von Valeska v. Roques

Als mein Gastgeber – es war zwei Uhr nachts – sein Auto aus der Parklücke lenkte, bog ein Jeep um die Ecke. Er stoppte, zog die Handbremse an und wartete ab, bis der Jeep vorbei war.

„Sie halten mich sicher für hysterisch“, sagte er. Und dann erzählte er, wie sie vor zwei Jahren seine Frau geholt hatten. Es war um die gleiche Zeit gewesen. Als hätten sie darauf, gewartet, hatten sie gehört, wie ein Jeep vorfuhr, und gleich darauf dieses ultimative Klingeln, das schon beim ersten Ton mit dem Einschlagen der Tür zu drohen scheint. Sie waren zu viert gekommen. Die Haussuchung war barbarisch gewesen; die Kinder sind das Trauma bis heute nicht losgeworden. Und was geschah mit der Frau? „Nichts von Bedeutung“, sagte der Mann.

Sie wurde in die Bouboulinas-Straße geschafft: ins berüchtigte Hauptquartier der Sicherheitspolizei. Man steckte sie in eine zwei mal einen, Meter große Zelle und ließ sie allein. Ein paarmal verhörte man sie, es ging um ein Manifest, das sie unterschrieben hatte, gefoltert wurde sie nicht – außer durch das Schreien der andern. Ohne Angabe von Gründen, genau wie man sie verhaftet hatte, wurde sie plötzlich wieder entlassen. Nach vierzehn Tagen. „Andere hatten weitaus mehr zu ertragen“, sagte der Mann, „aber der Schock sitzt uns noch in den Knochen, meiner Frau genauso wie mir.“

Vor ihrer Verhaftung hatte sie zu den Journalisten gehört, die meinten, daß man auch und gerade unter der Diktatur weiterschreiben sollte. Jetzt ist sie Lektorin. Ins Ausland reisen kann sie nicht. Man hat ihr den Paß entzogen.

Das Militärrecht sei nur noch ein Schatten, hat Papadopoulos im vorigen Jahr gesagt; aber dieser Schatten sei äußerst nützlich, um den immer noch lebendigen Geist der Anarchie niederzuhalten. Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, waren keine Bombenleger und auch sonst keine Anarchisten. Sie waren Liberale und links in all den auseinanderstrebenden griechischen Varianten. Aber der „Schatten“, unter dem sie leben müssen, ist so spürbar, daß einem mitten im Juli kalt werden kann.