Von Heinz Michaels

Ausnahmsweise sind sich Arbeitgeber und Gewerkschaften einmal einig. In ihrem Pressedienst warnt die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA): „Hände weg von der Vier-Tage-Woche.“ Und im Düsseldorfer Hauptquartier des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) heißt es: „Die Gewerkschaften haben nicht jahrzehntelang für den Acht-Stunden-Tag gekämpft, um ihn jetzt der Vier-Tage-Woche zu opfern.“

Auf den Plan gerufen wurde die Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten (NGG), als vor drei. Monaten die Schwartauer Werke, Deutschlands größter Marmeladen-Produzent, auf ganzseitigen Anzeigen in den „Lübecker Nachrichten“ neue Arbeitskräfte mit dem Hinweis warb, daß sie nur vier Tage in der Woche zu arbeiten brauchen: Montag bis Donnerstag von 6 bis 16 Uhr 45 mit einer Stunde Pause. Danach gebe es drei Tage „Freizeit für Familie und Hobby“.

In einer Betriebsvereinbarung mit dem Betriebsrat hatte der Chef des Unternehmens, Dr. Arend Oetker, ein Neffe des Bielefelder Konzernherrn Rudolf August Oetker, sich auf einen dreimonatigen Versuch geeinigt, bei dem vorerst nur 70 der rund 800 Arbeiter und Arbeiterinnen nach dem Vier-Tage-Turnus arbeiten.

Die Schwartauer Werke gehören damit zu jener Handvoll kleiner und mittlerer Unternehmen, die in der Bundesrepublik mit der Vier-Tage-Woche experimentieren. Zu den Vorreitern gehörte die Europäische Canfield Co. GmbH in Gerretsried-Gartenberg bei München mit 370 Mitarbeitern. In einer Halbjahresbilanz stellte deren Geschäftsführer Heinz M. Kochems fest, daß die Produktivität um 20 Prozent gestiegen und die Zahl der Betriebsunfälle gesunken ist; es gibt mehr Bewerbungen als vakante Stellen, und drei von vier Betriebsangehörigen gefällt die Vier-Tage-Woche. Von ähnlichen Erfahrungen kann der Schwartauer Produktionschef Dr. Klaus Lietz nach dem Drei-Monats-Test berichten: Die Produktivität ist nicht gesunken, sondern hat sich leicht verbessert, der Krankenzustand ist nicht gestiegen, und es konnten neue Arbeitskräfte gewonnen werden. Höhere Produktivität ist auch der Grund, weshalb in den Vereinigten Staaten rund 100 Betriebe mit der Vier-Tage-Woche experimentieren. Betriebswirtschaftler der Harvard-Universität haben herausgefunden, daß daraufhin bei einer Reihe dieser Firmen die Unternehmensgewinne gestiegen sind. Als erste Großunternehmen prüfen nun der Automobilkonzern Chrysler und der Computer-Produzent IBM eine Neuregelung der Arbeitszeit.

In den amerikanischen Vier-Tage-Betrieben werden allerdings im Durchschnitt nur noch 35 Stunden in der Woche gearbeitet. Eine derartige Arbeitszeitverkürzung halten die deutschen Arbeitgeber jedoch für „völlig utopisch, wenn nicht Stabilität, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft ernstlich gefährdet werden sollen“. Der Arbeitsmarkt – in den kommenden Jahren durch geburtenschwächere Jahrgänge, längere Schulpflicht, verstärkte Berufsausbildung und flexibles Rentenalter ohnehin stark angespannt – könnte nicht noch zusätzlich belastet werden.

Die Mehrzahl der Arbeiter in der Bundesrepublik muß noch immer mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten. In Bad Schwartau wurde die wöchentliche Arbeitszeit für das Vier-Tage-Experiment auf 39 Stunden gekürzt. Die Arbeiter stehen also täglich neundreiviertel Stunden an der Maschine und sind mit Pausen zehndreiviertel Stunden im Betrieb.