Von Robert Lucas

Noch vor zwei Monaten dürften 99 Prozent der englischen Bevölkerung keine Ahnung gehabt haben, was OZ ist. Seither hat ein Londoner Gericht es zustande gebracht, diesem Wochenblatt des underground eine ebenso beispiellose wie kostspielige Reklame zu sichern und seinen Chefredakteur Richard Neville zum Märtyrer zu stempeln.

Neville ist 29 Jahre alt, Australier und kommt, wie die überwiegende Mehrheit aller Underground-Leute, aus dem Mittelstand. Er studierte an der Universität von New South Wales Englisch und Philosophie und begann, ehe er noch das Examen machte, seine journalistische Laufbahn als Redakteur derStudentenzeitung. Mit zwanzig Jahren brachte er in Sydney sein eigenes Blättchen heraus, eine bescheidene Affäre im Kleinformat, die er OZ nannte. Bereits damals zeigte sich, in welchen Bahnen sich sein Denken bewegte: Wegen Veröffentlichung obszöner Bildstreifen und Photos wurde er zu sechs Monaten Zuchthaus verurteilt, das Urteil wurde, jedoch im Berufungsverfahren aufgehoben.

1966 kam er nach London und gründete hier die englische Ausgabe von OZ, luxuriös und in farbenreichem Offsetdruck. Es war nicht die erste und nicht die einzige Untergrund-Zeitung des Vereinigten Königreichs. Die International Times (jetzt kurz IT genannt) war OZ um ein halbes Jahr zuvorgekommen, später folgte Friends (seit einigen Monaten Frends), und im vergangenen April erschien die erste Nummer einer anderen, für etwas ältere und intelligentere Leser bestimmten Neugründung Nevilles, INK. Zusammen haben die vier Londoner Untergrund-Zeitungen eine Auflage von etwas über 100 000 Exemplaren; etwa die Hälfte davon entfällt auf OZ.

Schon die äußere Aufmachung unterscheidet diese Blätter von anderen Zeitschriften: In psychodelischen Farben gedruckt (die die Lektüre keineswegs erleichtern), mit sex-geladenen, manchmal pornographischen Karikaturen und Bildstreifen illustriert, versuchen sie junge Leser anzulocken, die sich um den ideologischen Gehalt der Artikel wenig kümmern. Aber die Ideologie ist vorhanden, in den Augen ihrer Redakteure gibt sie den Untergrundzeitungen ihre Existenzberechtigung.

Diese Blätter sollen ein Forum jener Jugend sein, die in einem radikalen Gegensatz zur Generation ihrer Eltern steht. Sie sind Organe eines Nonkonformismus mit häufig nihilistischen Zügen, sie sind gegen jede Form von Autorität, sie sind gegen die Institutionen des Establishment, zu denen nicht nur alle staatlichen Einrichtungen gezählt werden, sondern auch alle politischen Organisationen von der extremen Rechten bis zu den marxistischen Linksparteien. Sie versuchen, die Sprache der langhaarigen Jugend zu sprechen, der radikalen Studenten, der drop-outs und Hippies und aller anderen, deren Lebensstil ein Bekenntnis zu Hasch mit einer Ablehnung aller sozialen und moralischen Tabus verbindet.

Wie aber sieht die neue Kultur aus, die die Untergrund-Zeitungen schaffen wollen? IT und OZ, Frendz und INK haben bislang das Programm einer neuen Gesellschaft nicht proklamiert. Richard Neville, der ein Mann von hoher Intelligenz ist (ein Umstand, den der Richter bei seiner Strafbemessung als erschwerendes Moment in Betracht zog), versuchte allerdings, in seinem Buch Play Power so etwas wie eine Philosophie der alternative society zu entwickeln. Seiner Ansieht nach wird der Bau der neuen Kultur auf vier Pfeilern ruhen: Drogen (Cannabis und LSD), Pop-Musik, von allen Tabus befreitem Sex und etwas, was er als the politics of play bezeichnet; dieser seltsamen Theorie zufolge soll eine „Flucht ins Spiel“ imstande sein, schwierige Probleme zu lösen. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß diese vier Glaubensartikel die weltanschauliche Basis aller vier Underground-Blätter darstellen.