Um das Thema "Revolution" ist es in der westlichen Sozialwissenschaft auffallend still gewesen. Die stabilitätsorientierte Systemtheorie und das Denken in den Kategorien einer heilen Welt, die nur von außen durch dämonisch-totalitäre Mächte (und ihre systeminternen "Handlanger") bedroht ist, war der Forschung wenig günstig. Es war ein Fortschritt, als sich das theoretische Interesse auf Fragen des sozialen Wandels verlagerte dank der vergleichenden Entwicklungs- und Modernisierungsforschung. Dies führte zu der schlichten Erkenntnis, daß Entwicklung sich nicht nur evolutionär vollzieht, sondern auch als revolutionärer Systemwechsel stattfindet.

Die Frage nach der logischen Negation des Konzepts der Systemstabilität und -funktionalität drängte sich nun geradezu auf. Radikal gestellt wurde sie erst von Chalmers Johnson in zwei systemtheoretisch orientierten Arbeiten zum Thema "Revolution", die 1964 und 1966 erschienen. Die zweite der beiden Abhandlungen ("Revolutionary Change") ist jetzt deutsch erschienen:

Chalmers Johnson: "Revolutionstheorie"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln und Berlin 1971; 208 Seiten, br. 28,– DM, Ln. 38,– DM.

Johnson ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität von Kalifornien, Berkeley, wo 1964 mit Unruhen die weltweite Studentenrevolution begann. Der Autor bekennt ausdrücklich, daß sie ihn bei seinen Untersuchungen stark motiviert hat. In der Tat ist die seit 1964 schnell anwachsende Literatur über "Revolution", "inneren Krieg", "politische Aggression" und "Rebellion" hinreichend nur vor dem Hintergrund der inneren Szenerie der Vereinigten Staaten zu erklären. Insbesondere gilt das für die Analyse nichtrevolutionärer, "ungekonnter" Formen politischer Gewalt. Der Titel des Buches von

Ted R. Gurr: "Why Men Rebel"; Princeton University Press, Princeton 1970; 421 S., 12,50 Dollar

ist für dieses Erkenntnisinteresse besonders bezeichnend.

Die Ansätze beider Autoren sind recht unterschiedlich. Während Gurr von psychologischen Fragestellungen ausgeht und diese dann in einen größeren politisch-soziologischen Kontext stellt, geht Johnson vom "sozialen System" und seinen "funktionalen" Gleichgewichtsbedingungen aus. In der ersten Version seiner Theorie hatte Johnson ein einfaches Schema zweier notwendiger Gegebenheiten und einer hinreichenden Bedingung für das Auftreten von Revolutionen: Erstens die "multiple Dysfunktion", also Störungen mehrerer Gesellschaftsbereiche zugleich; zweitens eine "intransigente Elite" und drittens das Auftreten von "Akzeleratoren" der gesellschaftlichen Widersprüche (militärische Niederlagen und ähnliches).