Henryk Grossmann, Carl Grünberg: „Anarchismus – Bolschewismus – Sozialismus. Aufsätze aus dem ‚Wörterbuch der Volkswirtschaft‘“; Hrsg.: Claudio Pozzoli; Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt 1971; 341 Seiten, 18,– DM.

Wenn die Studentenbewegung seit 1967 nichts anderes erreicht hätte, als Unruhe zu stiften, so wäre das schon viel. Denn die gähnende Müdigkeit der intellektuellen Auseinandersetzung vorher war kaum länger zu ertragen. Sie hat aber noch etwas anderes bewirkt: Die deutschen Verleger haben sich um des Studentenmarktes willen zu zahlreichen Neuausgaben entschlossen, an die vorher niemand gedacht hätte.

So schafft eine kleine, machtlose Gruppe in einem durchaus nicht ohnmächtigen Sektor der Publizistik das, was Marx den „stummen Zwang“ ökonomischer Verhältnisse nannte. Weniger poetisch ausgedrückt heißt das: Die Nachfrage reguliert das Angebot der Verleger.

Zu den Neuausgaben, die über die Konjunktur hinaus Wert haben werden, gehört die Aufsatzsammlung von Grossmann und Grünberg. Sie umfaßt Artikel aus dem „Wörterbuch der Volkswirtschaft“, vierte Auflage, das 1931 bis 1933 im Verlag von Gustav Fischer in Jena erschienen ist. Mithin gibt das neue Buch einen Begriff vom Niveau des alten.

Das ist der erste und entscheidende Eindruck: Die begriffliche Klarheit und die Selbstverständlichkeit, mit denen in einem zeitgenössischen Fachbuch zeitgenössische Politik diskutiert wurde, blieb unübertroffen. Das gilt besonders für die Aufsätze über den Bolschewismus. Als sie verfaßt wurden, war die Sowjetunion gerade zehn Jahre alt. Das muß man bedenken, liest man die Texte heute. Auch die „Fortentwicklung des Marxismus bis zur Gegenwart“ kann man nur richtig würdigen, wenn man bei der Lektüre im Sinn behält, daß es die Gegenwart von 1931 war: Also ein Sozialismus ohne Stälin-Hitler-Pakt und ohne die Säuberungen von 1937.

Sehr zu begrüßen ist der Wiederabdruck des Grünbergschen Essays über Anarchismus. Hierüber mehr zu erfahren, wird bei der allgemeinen Verketzerung des Anarchismus, die wir gerade erleben, immer wichtiger. Christa Dericum