Von Martin Gregor-Dellin

Wenn ich mich richtig erinnere, heißt es bei Julio Cortázar einmal, eine Kritik sei das traurige Ende von etwas, das wie ein Geschmack angefangen hat, etwas, in das man hineinbeißen, das man kauen möchte. Dies trifft in vollem Umfang zu, wenn das Kritisierte einem Geschmack mehr ähnelt als einer Form. Nicht etwa einer Frucht, denn die hat Schale und Kern, oben und unten, Anfang und Ende, und das läßt sich von Achternbuschs Büchern kaum behaupten.

Über Achternbusch ist schon viel nachgedacht worden, denn wenn einer innerhalb von zwei Jahren vier romanähnliche Prosabände unter die Leute bringt, geraten die Kritiker mit sich selber ins Gerangel. Von „totaler Redefreiheit“ wurde nicht zu Unrecht gesprochen, von „Abwesenheit aller glatten Technik“, und doch sind Freiheit und Technik noch zu eingrenzende Begriffe für etwas so Unabsichtliches wie die Emanationen einer Biographie, Achternbuschs Leben, in Druckbuchstaben umgesetzt. Etwas verfremdet, soweit kontrollierbar, durch die Ausuferungen seiner Phantasie, wenn man davon ausgeht, daß der wirkliche Achternbusch einen Finger mehr besitzt als der ebenfalls Achternbusch genannte Held seines vierten Buches –

Herbert Achternbusch: „Die Alexanderschlacht“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 225 S., 16,– DM.

Die umfassende Orientierungslosigkeit seiner Prosa – ein andres Kritikerwort – ist hier auf die Spitze getrieben, und es tritt ein Muster der Absichtslosigkeit hervor, dessen Kultivierung der Autor als seine Lebensaufgabe betreibt. Auf die Frage, ob er wohl je wieder „geschlossener“ schreiben werde, antwortete er kürzlich bei einer Münchner Lesung: „Wieso? Für mich ist alles geschlossen.“ Koketterie oder nicht, er kehrt das Unvermögen, Erinnerungen und Eindrücke zu ordnen, in das Vermögen um, sie ungeordnet vorzutragen. Er macht aus der Not eine Tugend. Aus der Unmöglichkeit, eine Lebensgeschichte hintereinander zu erzählen, wird die Geschichte einer Unmöglichkeit, an der Achternbusch von Buch zu Buch weiter erzählt. „Ich wage mich natürlich auch jetzt nicht an große Dinge, dazu bin ich zu wenig Stümper, das kann ein Hochhuth besser“; so kontert er den Verdacht, es habe sich hier ein Schriftsteller ohne Stoff zum Erzähler aufgeworfen, noch bevor er geäußert ist. Er kennt nur sich selbst, oder vielmehr lernt er sich schreibend kennen, wie es im ausfransenden Ende seines großen Monologes heißt: „ich fang noch einmal an mich kennen zu lernen / ich schau noch einmal im Spiegel meine Zunge an“, und hinausdenkend über den Zigarettenrauch, im Liegestuhl liegend, treten seine Gedanken über die Grenze und lassen sich „in dem verbotenen Susn-Gelände“ nieder, dessen Erinnerungsinseln die vermiedene Alexanderschlacht füllen.

Susn ist die zentrale Erinnerungsfigur, um die sich Niederbayerisches gruppiert, Natur, Tiere, die Großmutter, der Pfarrer, Kinderzwischenfälle während des Schreibens, Ingrid und Euthine, Eß-, Schlaf-, Wohn- und Traumgewohnheiten, die hier so wenig in eine hierarchische Ordnung zu bringen sind wie im Buch. Denn die Herstellung von Relationen würde das Material verfälschen wie die Umgruppierung eines dodekaphonen Tonstücks in die diatonische Ordnung. Tragbar, fühlbar, schmeckbar wird das Ganze erst durch Sprache, und auch dabei kann der Leser allerdings einer Täuschung aufsitzen, wenn er die neunzig Prozent Hochdeutsch Achternbuschs (der Rest ist deftigster Dialekt) unverfremdet liest. Achternbusch ist verrannt in die Sprache, und zwar ins Bayerische. „I mecht me amoi richte in da Sprach darenna, daß i iberhaupt nimma zum Tema kimm.“ Wo er nicht Dialekt schreibt, muß man sein Hochdeutsch etwa so hören, wie Karl Valentin es sprach, mit rollender Zunge, nach droben, künstlich, ein Als-ob. Nur so sind alle jene Geschichten vom Badewannenmenschen und gewöhnlichen Waschmenschen, vom Hallerholz an der Scheßlwiese und vom Scheißhäusl neben dem Roßstall richtig zu verstehen und richtig zu genießen.

Denn Achternbusch ist, neben anderem, auch ein bayerischer Erzähler, ein Querkopf, ein Urvieh. Auch so wäre er zu interpretieren. In dem relativ seltenen theoretischen Klartext einer Selbstinterpretation, den man sich aus zweihundert Seiten mühsam herauspicken muß, steht der Satz: „Ich könnte sagen, solang etwas, das den Menschen betrifft, logisch bleibt, ist es oberflächlich.“