Sie ist schon fast vergessen, die sowjetische Okkupation der Tschechoslowakei. Am 21. August 1968 rückten Streitkräfte des Warschauer Pakts in die CSSR ein. In wenigen Stunden war das Land besetzt; die Bildfunkverbindung der amtlichen Agentur Ceteka zum Westen brach ab. Doch Reporter und Touristen schmuggelten Photos und Filme über die Grenzen. Panzer auf den Straßen; Menschen, die in verzweifelter Wut mit Steinen auf sie warfen. Ausgebrannte Omnibuswracks; eine blutbefleckte Flagge wird Soldaten auf einem Lkw gezeigt. Menschentrauben kleben an, den Panzern. Sie wollen mit den Invasoren diskutieren; eine Maschinenpistole dicht über ihren Köpfen. „Geht nach Hause!“ – „Freiheit!“ – „Dubček!“

Fast ein halbes Jahr später berichtet die Svobodne Slovo (Freies Wort), daß sich der Student Jan Palach auf dem Wenzelsplatz in Prag aus Protest gegen die sowjetische Besatzung mit Benzin übergössen und angezündet hat. Die westliche Welt, die sich schon längst anderen Problemen zugewandt hatte, horcht auf, erinnert sich.

Professoren bescheinigten Jan Palach Ernsthaftigkeit, Eifer und Intelligenz. Konnte er sich nicht die Sinnlosigkeit seiner Tat ausrechnen? Gewiß, heute sind wir drei Jahre klüger und wissen, daß der Prager Frühling nach diesem „Frosteinbruch“ nicht mehr zum Blühen kam. Jan Palach wollte jedoch mit seinem Tod etwas erreichen. Seine und die Forderungen vieler anderer junger Leute fanden die Passanten in einem Brief, der mit Heftpflaster an dem braunen Marmor des Wenzelsdenkmals klebte: Aufhebung der Zensur; Verbot der russischen Propagandazeitung Zpravy.

Hatte Palach wirklich geglaubt, mit seinem Selbstmord der Erfüllung dieser Forderungen näherzukommen? Oder spekulierte er darauf, vorher gerettet zu werden?

„Er brach vor mir zusammen und rief: ‚Werfen Sie Ihren Mantel über mich.‘ Ich warf meinen Mantel auf den Jungen, der sich amBoden krümmte. Die Flammen erstickten. Er lebte noch.“ So schilderte der Straßenbahnkontrolleur Spirek sein Erlebnis. Dennoch – im Falle des Überlebens wäre Palach zumindest entsetzlich verstümmelt worden. Es gelang Jan Palach, die Öffentlichkeit auf die Seite der Tschechoslowakei zu bringen. Aber dieses Land hatte sowieso alle Sympathien für sich. Die Zustände in seiner Heimat änderte er nicht. Im Gegenteil! Prager Regierungskreise befürchteten ein neues Einrücken der sowjetischen Truppen ins Stadtzentrum und rigorose Militärdiktatur. In der ganzen Welt fragte man sich: Was trieb Jan Palach zu dieser Tat? – Wie alle Studenten zog auch er nach dem 21. August durch Prag, klebte Flugblätter, schrieb Parolen an die Häuserwände. Er konnte sich nicht mit der befohlenen Realität abfinden. Er war des Lebens in Unfreiheit überdrüssig.

Am Sonntag, dem 19. Januar 1969 stirbt Jan Palach. Trauerfahnen werden aus den Fenstern gehängt. Radio Prag sendet keine Unterhaltungsprogramme. Die Fernsehansagerinnen tragen demonstrativ Trauerkleider.

In diesem Jahr brannten noch hundert Kerzen an seinem Grab. Letztes Jahr an seinem Todestag pilgerten wesentlich mehr Trauernde an seine Ruhestätte.