Von Rolf Diekhof

Als Richard Nixon am Sonntagabend von einer Marathonkonferenz in seinem Feriensitz Camp David nach Washington zurückkehrte, wurde er von der Nation mit Spannung erwartet. Unruhig versammelte sie sich vor den Fernsehapparaten: Die Nachricht, daß der Präsident die Zeit der Untätigkeit beenden und einschneidende wirtschaftspolitische Maßnahmen verkünden wolle, hatte die Amerikaner aus der abendlichen Ruhe aufgeschreckt.

Die Rede Nixons erfüllte viele Hoffnungen. Selten hatte der Präsident so überzeugend gewirkt wie in dem Moment, in dem er sagte: „Die Zeit für eine neue Wirtschaftspolitik ist gekommen es wird die umfassendste Erneuerung sein, die der Nation in vier Jahrzehnten zuteil wurde.“

Nixons Popularitätskurve schoß in die Höhe. An einem Tag stieg der Index der Aktienkurse an der New Yorker Börse um 33 Punkte.

Die überwältigende Zustimmung hat sich Nixon mit dem Bruch von zwei Tabus erkauft. Das eine Tabu war die von ihm selbst jahrelang hartnäckig verteidigte Devise: „Ein Lohn- und Preisstopp ist nicht gut für Amerika.“ Doch sein Meinungsumschwung in dieser Frage barg kaum ein Risiko: Wirtschaftsexperten der Opposition und der eigenen Partei fordern den Lohn- und Preisstopp schon seit Monaten und haben ihn längst populär gemacht.

Weitaus größer war das Risiko, beim Bruch des zweiten Tabus: Nixon hat am späten Sonntagabend ein Symbol amerikanischer Macht zerstört – er hat den Dollar entwertet. Mit der Rücknahme des Versprechens, Amerika werde jederzeit Dollar gegen Gold eintauschen, hat die amerikanische Währung ihre stolze Rolle als das Zahlungsmittel der Welt aufgeben. Die ersten schmerzhaften Erfahrungen dieser Entwicklung mußten US-Touristen machen: Zu Beginn dieser Woche wollten in Paris und Rom nicht einmal mehr die amerikanischen Banken Dollars annehmen: „Sorry“, hieß es, „wir nehmen Dollars nicht an, weil wir nicht wissen, was sie wert sind.“

Doch der internationale Prestigeverlust ist für die Amerikaner in der gegenwärtigen Situation von sekundärer Bedeutung – allein die Aussicht auf „einen Ausbruch aus der lasterhaften Spirale von steigenden Preisen und Kosten“ (Nixon) ist für sie wirklich wichtig. Sie suchen nach einem Ausweg, nach dem Ausweg aus der Sackgasse von Inflation und Arbeitslosigkeit, von mangelnder Kauflust und sinkenden Investitionen.