Immer stärker dringen Schlachtlärm aus und Kassandrarufe nach Mainz, als gelte es, zum zehnjährigen Jubiläum des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) allein die negative Bilanz der Anstalt zu komplettieren:

  • Obwohl der Staatsvertrag von 1961 das ZDF zu einem Kontrastprogramm verpflichtet (§ 22,4), unterbot es auf der Jagd nach der Zuschauergunst so lange die ARD mit niveauloseren Sendungen, bis die Konkurrenz der zwei Fernsehsysteme zum offenen Kampf eskalierte – auf Kosten der Zuschauer, die allabendlich zwischen Programmdoubletten wählen müssen.
  • Das ZDF-Programmangebot, bestimmt durch Lebenshilfe, Publikumswirksamkeit und eine restaurative Grundhaltung, vernachlässigt die Politik und fördert die kostspielige Unterhaltung sowie rüde und „heile“ Serien.
  • Hinter einer ohnehin angespannten Finanzlage lauert das Gespenst von 250 Millionen Mark Steuerschulden für Werbeeinnahmen. Wird hierfür keine „politische Lösung“ (Intendant Karl Holzamer) gefunden, steht das ZDF vor dem finanziellen Ruin.
  • Die größte deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt scheut am stärksten die Öffentlichkeit und verhindert durch eine strikt verordnete Schweigepflicht über „interne Angelegenheiten“ die notwendige Transparenz.
  • Eine streng zentral-hierarchische Struktur, der autoritäre Führungsstil, ein extremer Bürokratismus und mangelnde Kommunikation im Haus sorgen permanent für ein schlechtes Betriebsklima. Proteste der ZDF-Redakteure gegen die zweifelhaften journalistischen Praktiken Gerhard Löwenthals, gegen die Versetzung des parteilosen „heute“-Chefs Rudolf Radtke in die Außenpolitik und gegen die CDU-Vereinheitlichung der Führungsspitze blieben wirkungslos.

Vor allem dieser letzte Punkt ist in den letzten Wochen zum offenen Ärgernis geworden. Die Entwicklung zum „CDF“ begann mit der Berufung des „militant-konservativen“ (Der Spiegel) Rudolf Wöller zum Chefredakteur. Er ist CDU-Mitglied wie Intendant Holzamer und der derzeitige Verwaltungsratsvorsitzende, Ministerpräsident Kohl. Und nun „rangeln nur noch dogmatische und liberale Christdemokraten um die schönsten Stühle“ (Frankfurter Rundschau): Johannes Gross bekam die Sendereihe „Dialog“, Volker von Hagen wird Leiter des Bonner Studios, Chefreporter Karlheinz Rudolph soll „heute“-Leiter werden, und „Bilanz“-Moderator Wolfgang Schröder ist für die Hauptabteilung „Wirtschaft und Soziales“ vorgesehen; der CDU-Sympathisant Friedrich Nowottny wird Leiter der Abteilung Innenpolitik.

Nahtlos reihen sich auch die Parteilosen und die SPD-Alibis in diese christlich-konservative Phalanx ein: den künftigen Ko-Moderator Löwenthals, Fritz Schenk, nennt selbst der Vorwärts eher rechts; der „heimliche Intendant“ und Programmplaner Dieter Stolte gehört nicht zur CDU, fühlt sich aber „mit Recht in (seiner) Haltung dahin gezählt“, und Fernsehdirektor Joseph Viehöver wertet Neues „an dem Gut, das Jahrhunderte überdauert hat“. Schöner kann man es kaum sagen.

Fazit: Zehn Jahre nach Konrad Adenauers gescheitertem Versuch, ein CDU-Staatsfernsehen zu etablieren, bescheren ihm die routinierten Strategen seiner Partei einen späten Sieg. Die Reaktion marschiert, und die SPD sieht tatenlos zu. Ihre verschlafene Medienpolitik ist das Unbegreiflichste und Gefährlichste an der jüngsten Entwicklung des ZDF.

Wolf Donner