Von Günter Wollstein

Dreißig Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges lag – abgesehen von essayistischen Aufrissen und der bewußt auf eine historische Darstellung verzichtenden Strukturanalyse Hans-Adolf Jacobsens (Nationalsozialistische Außenpolitik 1933 bis 1938) – immer noch keine umfassende Darstellung der Außenpolitik Deutschlands in den Jahren 1933–1939 und – thematisch eng damit verbunden – der Vorgeschichte des Weltkrieges vor. Diese Lücke war unter anderem dadurch bedingt, daß sich die Forschung lange Zeit auf die innenpolitischen Veränderungen in Deutschland vor und nach dem Januar 1933 und auf die außenpolitischen Ereignisse unmittelbar vor Kriegsbeginn beschränkte. So ist es nicht verwunderlich, daß der erste Versuch, über die Ergebnisse grundlegender Monographien zu Spezialfragen des internationalen Geschehens vor 1939 hinauszugelangen, nicht in Deutschland publiziert wurde. In:

Gerhard L. Weinberg: „The Foreign Policy of Hitler’s Germany. Diplomatie Revolution in Europe 1933-36“; The University of Chicago Press, Chicago-London 1970; 397 S., £ 5,80

liegt nun der erste Teil einer offenbar auf zwei Bände projektierten Abhandlung vor. Weinberg ist Professor an der University of Michigan, Ann Arbor, und weithin bekannt durch seine Edition von Hitlers „Zweitem Buch“.

Das Eingangskapitel beschäftigt sich mit der Vorstellungswelt Hitlers und deren Genese. Weinberg sieht in den Begriffen „Raum“ und „Rasse“ die Angelpunkte des bereits lange vor 1933 ausgeprägten Hitlerschen Denkens, das auf die Weltherrschaft Deutschlands abzielte. Der Planung und Stufenfolge, wie dieses Endziel erreicht werden sollte, schenkt Weinberg weniger Aufmerksamkeit, verkennt jedoch nicht, daß drei große Kriege – zuerst gegen Frankreich, dann gegen die Sowjetunion, schließlich gegen die USA – projektiert waren.

Vor diesem Hintergrund entwickelt der Autor in zwölf stark untergliederten Abschnitten eine Geschichte der internationalen Diplomatie, bei der dem Deutschen Reich und seinen Partnern in wachsendem Maße die Initiative zufiel. Er legt dar, daß in überaus kurzer Zeit die Konturen der nationalsozialistischen Politik abgesteckt waren. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt sodann in kurzen Abrissen, die zunächst parallel die Themen Abrüstung, Viererpakt, Kirchenpolitik sowie die Politik Deutschlands gegenüber Polen, der Sowjetunion, Litauen, China, Japan, den westlichen Großmächten und dem amerikanischen Kontinent insgesamt behandeln.

Anschließend folgt die Gliederung mehr einem chronologischen Prinzip, wodurch die Entwicklung vom Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund über die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, die Remilitarisierung des Rheinlandes und die einzelnen bündnispolitischen Veränderungen bis hin zum Beginn einer neuen Phase veranschaulicht wird, die mit der Verkündung des Vierjahresplanes im Spätsommer 1936 einsetzt und der unmittelbaren Kriegsvorbereitung dient.