ARD, Freitag, 20. August: „Eine Priesterweihe“, von Elmar Hügler

Er war einer von vieren – früher zählte ein Jahrgang gelegentlich bis zu vierzig Kandidaten. Er stammte aus dem Milieu, das seit eh und je die meisten Priesterberufe stellt, einfacher oder mittlerer Angestellter in der Kleinstadt, das Vertiko im Zimmer mit der Standuhr darauf, die Wohnküche im Gelsenkirchener Barock, die Geranien vor dem Fenster. Etwas Unterstützung kam von zu Hause, und eine fromme Gratulantin steckte ihm wie wohl schon des öfteren das Briefchen mit dem kleinen Schein zu. Er war repräsentativ.

Auf die Frage, warum er Priester geworden sei, könne er „nur theologisch antworten – um es ganz einfach zu sagen: ‚Herr, auf Dein Wort hin‘, heißt die Stelle bei Lukas“. Er ist zwar ein bißchen reformerisch angehaucht, mag die Hände nicht mehr so bilderbuchartig falten, wie der Spiritual des Priesterseminars es wohl gern sähe. Er würde auch, meint er, im Ernstfall eher der Stimme seines Gewissens folgen als den Anordnungen der Hierarchie, er fühlt, daß er „in gewissen Dingen einer Sicherheit entbehrt“, er will „auch gegenteilige Meinungen referieren und tolerieren“ – aber er steckt so tief drin im System, daß er nicht mehr erkennt, wie er es durch seine Sprache reproduziert: „Ich bin ehelos geblieben deshalb, weil ich meine, daß ich das Maß an Freiheit und Verfügbarkeit, das mir durch die Ehelosigkeit offen ist in diesem meinen Beruf, in diesen meinen Dienst integrieren kann.“ Schwierigkeiten bereiten ihm nicht das System, nicht die Doktrin, nicht die Metaphysik, nicht das Irrationale, sondern die „Rollenerwartung, die die Gemeinde an den Priester noch stellt“, daß er „Dinge machen muß, die man nicht vollziehen kann“.

Die Abstrusitäten einer Weihehandlung etwa. Ein paar Tage vorher, als er, bei der Probe, einem Kollegen „Ehrerbietung und Gehorsam“ versprach, „mir und meinem Nachfolger“, da hatte es noch um seine Mundwinkel gezuckt, hatte er ein Lächeln nicht unterdrücken können. Während der feierlichen Zeremonie dann, bei der gleichen Szene, als der „Herr Bischof“ vor ihm saß und ihm die Fragen stellte, war das Lächeln verflogen, versteinert war sein Gesicht, als gälte es, hingerichtet zu werden.

Er war repräsentativ, aber auch das Environment stimmte. Der Zeremonienmeister im Seminar, der die Hände windet in betulichem „Hier würde es sich empfehlen, das war früher Vorschrift“, der Gesangslehrer für gregorianische Stimmbildung („Machen Sie einen Kußmund!“), der Exerzitienmeister voller guter Verbal-Hilfen („Je höher einer gestellt ist, desto tiefer kann er fallen“), der Bischof, der Autorität hinter Demut versteckt („Christus selber legt in dieser Stunde seine Hand auf diese Männer“), der Generalvikar, der Demokratie und Selbstbestimmung spielt („einzige Grenze dort, wo gegen das Dogma in schwerer Weise verstoßen würde“), der Vorsitzende des Pfarrgemeinderates, für den es „eine besonders hohe Ehre“ ist, der alte Pfarrer, der froh ist, „daß man bald in Pension gehen kann, weil man das Neue nicht mehr verkraften kann“.

Und der Schnitt stimmte. Für den kirchlichen Insider war es eine schöne, erbauliche Beschreibung einer gnadenreichen Zeit; für den Skeptiker die Bestätigung, daß letztlich doch nur eine Hände-Falten-Reform stattgefunden hat. „Von der Kirche“, sagt der nichtgläubige Vater des Priesteramtskandidaten, „halte ich hauptsächlich, daß es keine Religion ist, sondern ein Priesterkult.“ Elmar Hüglers kommentarlose Dokumentation hat es, wenn es noch nötig war, belegt.

Heinz Josef Herbort