Von Sepp Binder

Helsinki, Olympiastadion – Leichtathletik-Europameisterschaften 1971 – Vorlauf über 3000 Meter Hindernis.

Nach dem Startschuß ist klar: Dies ist kein taktischer Bummellauf der besten europäischen Hindernisläufer, die vier Endlaufteilnehmer werden nicht erst im Spurt ermittelt. Ein beherzter Tempolauf beginnt. Das Feld zieht sich schnell auseinander. In der fünfköpfigen Spitzengruppe kämpft Jürgen May aus Hanau abwechselnd auf der zweiten und dritten Position gegen so starke Gegner wie Dudin (Sowjetunion), Ala-Leppilampi (Finnland), Gaerderud (Schweden). Das ist eine angenehme Überraschung, mit der eigentlich niemand gerechnet hatte, denn Jürgen May ist verletzt.

Runde um Runde bolzen die fünf Spitzenläufer. Einer wird das Finale nicht erreichen können. 28mal sind die knapp einen Meter hohen Holzbalken zu überwinden, siebenmal der über dreieinhalb Meter breite Wassergraben. Die letzte Runde wird eingeläutet. Jürgen May liegt noch immer an dritter Position. Er fällt auf den vierten Platz zurück. Noch viermal sind die kräftezehrenden Hindernisse zu überlaufen. Der Ungar Maranda kämpft sich an Jürgen May vorbei. Noch 230 Meter bis zum Ziel – da steigt der Hanauer aus. Vorbei, aus der Traum so mancher Sportsfreunde, die Bundesrepublik könne auch auf der Hindernisstrecke unter den besten Europäern mitmischen.

Auf der Tribüne aber springen Sportfunktionäre aus der DDR von ihren Plätzen. Sie jubeln über die Niederlage des 29jährigen Diplom-Sportlehrers aus Hanau. Sie hoffen, daß Jürgen May mit dem Schritt auf den Rasen nun endgültig die Aschenbahn verlassen hat. Sie reden sich ein, daß der einstige Stern am DDR-Leichtathletikhimmel endgültig verglüht sei. Die jahrelange DDR-Kampagne gegen den ehemaligen „Republikflüchtigen“, so scheint es, ist in Helsinki erfolgreich zu Ende gegangen. Und in der Bild- Zeitung hatte unser östlicher Nachbarstaat seinen stärksten Verbündeten im Westen: „Dieser Schritt ist das Ende für Jürgen May.“ Seite an Seite kämpfen Bild und DDR gegen einen Läufer, weil er sich von ihnen politisch nicht mehr mißbrauchen läßt.

Kein Athlet hatte bei den Europameisterschaften in Helsinki gegen so viele Gegner anzutreten wie Jürgen May. Er hat sie nicht alle bezwungen, aber der Kampf ist noch nicht zu Ende. May ist ein Fighter. Seine Siege überdauern: Noch heute hält er den Weltrekord über 1000 Meter. Seine Niederlagen wurden zumeist am grünen Tisch gegen ihn ausgeheckt, in der DDR wie in der Bundesrepublik.

Der sportliche Aufstieg begann mehr zufällig. Das Sportgymnasium seiner Heimatstadt Nordhausen bei Erfurt nahm den zwölfjährigen Vollwaisen nur deshalb auf, weil es nicht genügend sportlich talentierte Schüler gab. Das war 1954. Sechs Jahre später hat sich der „talentlose“ Junge bereits an die Spitze gelaufen. Er holt sich die deutschen Jugendrekorde über 800 und 1500 Meter.