Die Worte des Vorsitzenden Kiesinger mögen in der CDU an Gewicht verloren haben. Sein Plädoyer für Helmut Kohl als Nachfolger und damit für eine Trennung zwischen dem höchsten Parteiamt und der Kanzlerkandidatur wird dennoch nicht ohne Wirkung bleiben. Zudem entspricht die Empfehlung des scheidenden CDU-Chefs dem Wunsch vieler Mitglieder und auch eines Teils der Führungsgarnitur.

Rainer Barzels Weizen steht darum nicht gut. Weil er unablässig betont hat, Fraktionsvorsitz, Parteiführung und Kanzlerkandidatur müßten in seiner Hand vereint werden, würde ihm eine Rücknahme dieses absoluten Anspruchs jetzt eher als Zeichen der Schwäche denn besserer Einsicht ausgelegt werden. Er ist zum Gefangenen seiner eigenen Forderung geworden. Mag seine Entschlossenheit zunächst beeindruckt haben, so verstärkt sich bei immer mehr CDU-Mitgliedern inzwischen die Sorge, eine Ämterhäufung könnte zu Lasten der Partei gehen.

Die Polarisierung zwischen Barzel und Kohl bringt freilich auch die Partei in eine schwierige Lage. Ein Kanzlerkandidat Barzel, der zuvor nur mit knapper Mehrheit an die Spitze der CDU gewählt worden oder sogar unterlegen wäre, ließe sich schlecht vorzeigen. Ohnehin würde in beiden Fällen der Einfluß der CSU auf die Bestimmung des Kanzlerkandidaten noch wachsen.

Im Sinne seiner Parole „alles oder nichts“ braucht Barzel ein eindrucksvolles Votum. Danach aber sieht es, sieben Wochen vor dem Parteitag, nicht aus. Vielmehr hat es den Anschein, als ob dieses Treffen noch keine Vorentscheidung über den Unions-Aspiranten auf das höchste Regierungsamt bringen wird. Wenn die CDU gegenwärtig ein Talent beweist, dann die Fähigkeit, sich auf die Folter zu spannen. C.C.K.