In Brüssel ist in der vorigen Woche nicht nur eine Chance verpaßt worden – ein solches Versäumnis ließe sich vielleicht wieder wettmachen. In Brüssel ist die Europäische Gemeinschaft um Jahre zurückgeworfen worden.

Minister Schiller kam damals im Mai, als die Weichen für die Währungspolitik zum erstenmal gestellt wurden, stolzgeschwollen zurück, weil er, getreu den liberalen Lehrbüchern, sich auf keinerlei „dirigistische“ Maßnahmen eingelassen, sondern beschlossen hatte, die Mark floaten zu lassen. Wie wichtig Liberalität für die Aufrechterhaltung des Welthandels ist, weiß man, und wer es vergessen hat, der wird dies jetzt, wo die Amerikaner eine zehnprozentige Zollbarriere gegen Einfuhren errichtet haben, von neuem studieren können. Nur: in bestimmten Situationen ist es wichtiger, gemeinsam gegen die Lehrbuch-Postulate zu handeln, als allein an deren Maximen festzuhalten.

Es ist sehr die Frage, ob die Amerikaner es sich hätten leisten können, die Kosten für ihre Mißwirtschaft so robust auf andere abzuladen, wenn die Europäer als ein geschlossener Block aufgetreten wären. Keine Frage aber besteht hinsichtlich der Tatsache, daß der gewaltige Aufschwung der Weltwirtschaft in den letzten Jahren ohne feste Wechselkurse nicht möglich gewesen wäre. Es könnte sein, daß nun das Ende dieser Prosperität gekommen ist.

Jetzt ist die Einheit der EWG dahin: die Deutschen floaten, die Franzosen spalten, Benelux hat sich auf eine Mischform geeinigt – die vielleicht einmal einen Kompromiß abgeben könnte – und Italien hat den Kursspielraum erweitert. Wenn jetzt die Verhandlungen mit den Amerikanern beginnen, dann haben nur noch die Franzosen eine Waffe, vielmehr ein Tauschobjekt, gegen die zehnprozentige Zollbarriere. Wir mit unseren bereits bestehenden Aufwertungs-Effekten von 8 Prozent gegenüber dem Dollar gehen dagegen mit bloßen Händen in die Auseinandersetzung. Schiller, der nie mehr als 4,5 Prozent aufwerten wollte, kann angesichts dieser acht Prozent und der protektionistischen Maßnahmen Amerikas seine Politik kaum als Erfolg verbuchen.

Drei Schritte sind jetzt nacheinander notwendig: Zuallererst ein Vergleich mit den Franzosen, dann die Koordinierung in der EWG, also das gemeinschaftliche Vorgehen der Europäer, und schließlich die Neustrukturierung eines globalen Währungssystems. Darum ist es beruhigend, daß Bundeskanzler Brandt sogleich gegenüber Paris die Initiative ergriffen hat.

Erschrocken ist man allerdings, wenn man feststellt, daß er Bundesbankpräsident Klasen seit Mai nicht mehr gesehen hat. Da stecken wir mitten in einer weltweiten Währungskrise, die das Ende der Prosperität bedeuten könnte, und der Bundeskanzler (der keinen Finanzminister, also kein natürliches Gegengewicht gegen den Wirtschaftsminister mehr hat) hat seit vier Monaten den „Hüter der Währung“ nicht mehr gesprochen. Pompidou dagegen, der selbst ein Fachmann ist, trifft keine Entscheidung auf währungspolitischem Gebiet, über die er nicht zuvor auch mit Wormser, dem Gouverneur der Bank von Frankreich, diskutiert hätte... Dff.