Auf irgendeinem geduldigen Papier habe ich gelesen, auf sowjetischen Kreuzfahrtschiffen sei es üblich, zu den Mahlzeiten Kaviar zu servieren, und jeder wird zugeben, daß dies ein Grund mehr sein kann, ein russisches Schiff zu besteigen, wenn man nach Leningrad will. Leningrad haben wir gesehen, soweit das in zwei Tagen möglich ist. Auch das russische Schiff haben wir kennengelernt.

Die „Nadezhda Krupskaja“ hat nur Außenkabinen, alle schlicht und zweckmäßig eingerichtet, alle mit Teppich. Mehrere Vier-Bett-Kabinen waren als Zwei-Better vermietet, was sich angesichts des sparsam angebotenen Stauraums als praktisch erwies. Die Schlichtheit der Bars und der Speiseräume wurde durch persönliche Atmosphäre gemütlich; Sessel und Holzvertäfelung in Rauch- und Musiksalon strahlten einen gewissen Hauch von Lusxus aus. Bei der meist ruhigen See wurden Stabilisatoren kaum vermißt. Das schöne Wetter hätte das Schwimmen in einem Bord-Schwimmbad erlaubt, wenn eines vorhanden gewesen wäre. Wer auf einem der großen Sonnendecks keinen Liegestuhl bekommen hatte, war alsbald in einer der beiden Bars zu treffen, von denen zwischen morgens zehn und ein Uhr nachts fast immer eine geöffnet war; Herr Krause aus Berlin, der gleich zwei „Nadezhda Krupskaja“-Kreuzfahrten hintereinander gebucht hatte, weil sein Urlaub vier Wochen dauerte, war natürlich bereits geübt mit Liegestühlen. Nicht hingegen Joachim, Handwerker aus Berlin, der mir nach dem dritten oder vierten 50-cl-Wodka versicherte, daß er ganz zufrieden sei. Claudia hingegen, achtjährig und herzig, vermißte das Schwimmbad: „Zu Hause in unserem Bungalow, da haben wir aber ein Schwimmbad. Und einen Gartengrill.“ „Onkel Pivo“, Hotelier im Ruhrgebiet, vermißte Bier vom Faß, fand aber Trost bei Tuborg (80 Pfennig die Flasche).

Eigentlich ist die „Nadezhda Krupskaja“, die 22 Schwesterschiffe hat, ein Phänomen der Meere. Mit der pluralistischen Gesellschaft an Bord wurde sie spielend fertig, denn Charme und Geschicklichkeit von Rita und Oleg, den beiden Offizieren, die das Publikum betreuten, ließen Gedanken über ein paar kleine organisatorische Defizite nicht aufkommen; und die nette, ja geradezu herzliche Zuvorkommenheit, mit der man das recht mittelmäßige Essen servierte, das auch durch erfindungsreiche Namen nicht besser wurde, erstickte bösartige Bemerkungen im Keime. Es gab sogar Kaviar: Einmal einen Teelöffel roten auf einem Cracker – und beim Kapitänsessen, das „alles bisher dagewesene in den Schatten stellen“ sollte, zu zwei Plinsen je einen Teelöffel schwarzen und roten.

Ansonsten waren Suppen und warme Fischspeisen oft recht ordentlich, und immer konnte man zwischen zwei Fleisch- und zwei Gemüsegängen wählen. Aber über den Einkauf und die Zubereitung von Fleisch scheinen russische Köche anders zu denken als Schiffsköche im allgemeinen. Trotzdem: mir ist die fast familiäre und heitere Atmosphäre dieses Schiffes lieber, als ein mit ständigem Kleiderwechsel verbundenes First-Class-Gehabe bei kulinarischen Meisterwerken, die ohnehin nur dick machen.

An Bord war eigentlich immer irgendwas los. Wer wollte, konnte Russisch lernen, Filme sehen, sich zur Wahl als Miß oder – je nachdem – Mister Cruise stellen oder sich mit Partner um den Titel eines idealen Ehepaares bewerben. Es gab kleine Schlager- und Volksliederkonzerte, bei denen man nicht nur die Beauté des „Unterhaltungsoffiziers“ Rita bewundern, sondern auch ihre silbrige Stimme hören konnte, es gab einen Abend mit Passagier-Kleinkunst und einen Folklore-Abend der Mannschaft, und dann gab es natürlich Landausflüge in allen angelaufenen Städten. Für Oslo, Stockholm, Helsinki, Leningrad und Tallinn werden Führungen angeboten.

In Tallinn gibt es neben der Führung ein Intourist-Mittagessen, das durch seine reiche Auswahl an „Sakusky“ (Vorspeisen) bemerkenswert ist, und das sich, wie alle Gasthausmahlzeiten in Rußland, über fast drei Stunden hinzieht. Dennoch bleibt Zeit genug, die Stadt zu durchstreifen.

Wer sich ein wenig auf Leningrad vorbereitet hat, kann auf die offizielle Stadtführung verzichten. Vom Passagierhafen zur Eremitage führt Trollybus Nr. 10, von dort über den Newsky-Prospekt zum Smolny-Institut Trollybus Nr. 5. Im übrigen sind Taxen nicht teuer: 10 Kopeken/km. Intourist vermittelt Taxen mit deutschsprechenden Chauffeuren. Gute russische Restaurants, diesmal ohne Intourist: „Astoria“, „Europa“. Dort ißt man nach unseren Begriffen billig, für drei bis vier Rubel ist man ganz schön mit dabei. Eine Theater-Aufführung sollte man bereits bei Buchung der Reise bestellen. In Riga lasse man sich eine Broschüre „Willkommen in Riga“ aushändigen, bestelle ein Taxi zum Hafen und fahre in die kleine Altstadt.

Einiges bleibt geheimnisvoll: Warum zum Beispiel auf der vier Tage dauernden Rückfahrt in den Lysefjord bei Stavanger hinein- und wieder hinausgefahren wird, während zum Anlaufen von Kopenhagen und für je einen ganzen Aufenthalt in Stockholm und Helsinki die Zeit fehlt. Oder auch der Ursprung der Parole, bald seien kein Wodka und kein Kaviar mehr auf dem Schiff zu kaufen. Die Folge war jedenfalls, daß beides plötzlich wie warme Semmeln verkauft wurde: dreiviertel Liter Wodka für 10,50 Mark, 56 Gramm Kaviar für 14,90 Mark. Und hier sehen wir auch, wo er geblieben ist, der kleine Kaviar, der große Devisenbringer. Elmar Lang