Rolf Hochhuth ist ein Geschichtsfälscher. Einige mißtrauten dem auf eigenwillige Weise engagierten Linken ja schon immer. Hat er doch bereits Gottes „Stellvertreter“ Pius XII. und den großen britischen Premier Winston Churchill über seinen literarischen Leisten geschlagen. War das immerhin noch schriftstellerische Absicht, so hat er jetzt die Wahrheit gebeugt zum Zwecke der Agitation. Und dem Kieler Rechtsanwalt Wolf gang Hochheim, dem Vorsitzenden der CDU-Fraktion im Kieler Rathaus, gebührt die Ehre, die schändliche Tat aufgedeckt zu haben.

Hochhuth hat verbreitet: „In Kiel ‚besitzen‘ 193 Menschen, denen heute noch Eimerklos zugemutet werden, eine einzige Wasserzapfstelle.“ Und: „Die Stadt Kiel hat in zwölf Jahren insgesamt knapp vier Millionen Mark für Obdachlose ausgegeben.“ Das ist „falsch“, sagt Herr Hochheim; richtig ist: „Es gibt kein Obdachlosenlager in Kiel mit nur einem Wasseranschluß.“ Und: Die von der Stadt aufgewandten Mittel übersteigen „den von Hochhuth behaupteten Betrag um viele Millionen“.

Hochheim hat Recht. In einem Kieler Lager haben 198 Insassen sechs Zapfstellen, in einem anderen „besitzen“ 185 Personen sieben.

Auch mit den vier Millionen stimmt es nicht. Zwar: Kiel hat exakt 3,8 Millionen in zwölf Jahren ausgegeben, aber nur für Investitionen. Hinzu kommen noch „viele Millionen“ für Unterhaltung, Zinsendienst, Personalkosten. Wie viele es sind, weiß man in Kiel nicht ganz genau – was soll es auch: Hochhuth, der Literat, der mit dem Wort umgeht, hat mit dem Wort geschlampt, mit dem einen Wort „Investitionen“.

Weil es um die Wahrheit geht, muß gesagt werden: Was Hochhuth verbreitete, hat er abgeschrieben. Es stand im „stern“-Bericht (Nummer 9 vom 21. Februar des Jahres) über das Kieler „Getto der traurigen Kinder“: „Für 193 Menschen gibt es gleich neben den Eimerklosetts eine einzige Wasserzapfstelle.“ Und: „Zwischen 1958 und 1970 hat die Stadt für die Betreuung ihrer Obdachlosen ... 3,8 Millionen Mark verbraucht.“

Was Hochhuth zitierte, war also nicht neu. Bereits am 9. August letzten Jahres hatte der „stern“-Autor Peter Grubbe das Kieler Elend in zwei NDR-Sendungen angeprangert. Damals rührte sich in Kiel nichts. Als dann der „stern“ erschien, rührte sich ebenfalls nichts. Als am 26. Juli Hochhuths Vorwürfe im „Spiegel“ zu lesen waren, rührte sich wiederum nichts. Erst am 17. August las Hochheim das Ungeheuerliche: die Geschichtsklitterung und – eine Aufforderung zum Mord.

Hochhuth: „Die Kinder der in Gettos Abgeschobenen ... werden bestenfalls noch zu Schlägern, statt Revolutionäre zu werden. Es ist eine Demütigung für das ganze Menschengeschlecht, daß die Kinder, die in diesen Löchern ihre wertvollsten Jahre verdämmern, nicht wenigstens mehr den Willen aufbringen, wenn sie zwanzig Jahre alt sind, jene Kommunalpolitiker zu ermorden, die sie einst dorthin verbannt haben.“