ZEIT: Der EWG-Ministerrat konnte sich in Brüssel nicht auf eine einheitliche währungspolitische Linie gegenüber dem Dollar einigen. Er hat damit nach den Worten Ihres Ministers Karl Schiller „eine Chance verpaßt“. Hatte der Rat aber wirklich eine Chance angesichts der unterschiedlichen Handelsbilanzen Frankreichs und der Bundesrepublik gegenüber den USA?

Hankel: Der Währungsexpreß Europa hat sich verspätet. Er ist jedoch nicht entgleist. Im Gegenteil, er hat sogar eine gute Chance, die bisher nur im Fahrplan sichtbar gewordene Verspätung rechtzeitig vor der nächsten Station – der Jahresversammlung des Internationalen Währungsfonds (IWF) Ende September in Washington – aufzuholen. Tatsächlich blieben in Brüssel in der Nacht vom 19. auf den 20. August weniger fundamentale als technische Fragen offen:

  • Welche Wechselkurspolitik soll die Gemeinschaft gegenüber ihrer Umwelt verfolgen: die des möglichst ungeteilten oder die des gespaltenen, um bestimmte Transaktionen amputierten Floats?
  • Von welchen internen valutarischen Ausgangskursen soll die geplante Währungsunion aus starten und ihr intern engeres Band der Wechselkursschwankungsbreiten legen?
  • Wie muß der zur Verwirklichung der extern flexiblen und intern weitgehend stabilen Wechselkurse erforderliche Interventionsmechanismus der europäischen Zentralbanken aussehen?

Das sind technische Fragen, die kaum auf Anhieb in nur einer noch so langen Nacht beantwortet werden können. Da es aber auf richtige und nicht nur auf rasche Antworten ankommt, kann sich das bisherige Ergebnis von Brüssel, nämlich eine weitgehende Annäherung der Standpunkte der Fünf (der drei Benelux-Länder, Italiens und der BRD) durchaus sehen lassen.

ZEIT: Ist denn eine Abstimmung der Währungspolitik innerhalb der EWG überhaupt möglich, wenn das internationale Währungssystem nicht wenigstens halbwegs funktioniert?

Hankel: Das seit Anfang der Woche in Europa praktizierte System freier Devisenmärkte, die zu marktgerechten Tages- und nicht mehr amtlich regulierten Interventionskursen abschließen, gibt der Gemeinschaft schon jetzt einen weitgehenden „Umweltschutz“. Der in Frankreich gespaltene Devisenmarkt stellt buchstäblich, eine quantité negligeable und keine alternative Qualität mehr dar. Seit Brüssel wissen die Europäer: Ihre bislang nur für den Hausgebrauch einer besseren Koordinierung ihrer Wirtschaftspolitiken konzipierte Währungsunion hat durch die von Präsident Nixon verfügte „Abwertung“ des Dollars von einer internationalen zu einer uneingeschränkt nur noch national verwendbaren Währung über Nacht weltwirtschaftliche Dimensionen erhalten. Die rasche Verwirklichung der Währungsunion in Europa ist auf lange Zeit die wirksamste Barriere gegen einen sonst nicht mehr auszuschließenden Verfall der Weltwirtschaft und des westlichen Währungssystems. Zugleich ist sie ein Schutz gegen einen für alle westlichen Industrieländer gleich ruinösen Handels- und Währungsprotektionismus.

ZEIT: Immerhin bleibt es vorerst in Europa bei der Koexistenz gespaltener und freier Devisenmärkte. Welche praktischen Nachteile erwarten Sie von diesem Nebeneinander?