ZDF, Sonntag, 22. August: „Ariadne in Berlin“, von Dieter Hildebrandt und Peter Wehage

Vier Variationen über das Thema: Ein Mensch hält seinen Einzug in Berlin, kein Fränze Bieberkopf (wie ihn Alfred Döblin vor mehr als vierzig Jahren beschrieb), sondern eine als Ariadne vorgestellte junge Frau, die, in vierfacher Gestalt mit vier verschiedenen Beförderungsmitteln einreisend (von West nach Ost mit dem Flugzeug, der Eisenbahn und dem eigenen Auto, von Ost nach West mit dem Taxi), an Ort und Stelle die, Absurditäten eines Gemeinwesens erfährt, dessen Existenz in Grundbüchern sehr unterschiedlicher Prägung auf höchst disparate Weise notiert worden ist... und das führt dann dazu, daß Ariadne in die Stadt, die sich als Bundesland geriert (mit Abgeordneten freilich, die am Rhein nur die Rolle von Parias haben), nicht mit der landeseigenen Verkehrsgesellschaft anfliegen kann; das setzt Ariadne 2 in die Lage, am städtischen Bahnhof (vier Geleise, zwölf Züge zwischen null und vierundzwanzig Uhr) Namen wie Dresden und Guben auf den Abfahrtsplakaten lesen zu dürfen... doch diese Begriffe (einen Kilometer weiter östlich mit Hilfe von Fahrkarten realisierbar) sind so abstrakt wie die an Westberliner S-Bahnhöfen hinter Glas zur Schau gestellten Seiten der kommunistischen Zeitung „Die Wahrheit“, einer Gazette, von der sich der Kiosk neben dem Schaukasten nicht beliefert sieht – im Unterschied zur Nationalzeitung offenbar (und auch zu Blättern aus den weiter östlich gelegenen Ländern).

Eine vortreffliche Idee: Historisch, politisch, juristisch bedingte Berliner Paradoxien am Beispiel von Widersprüchlichkeiten sichtbar zu machen, deren sich der Reisende bei seiner Ankunft zu versehen hat – im Angesicht von Gebäuden (Bundeshaus, Reichstag, Kontrollratsgebäude, Schöneberger Rathaus – wo wird regiert?), konfrontiert mit Plakaten (Volksbühne Ost, Volksbühne West: zwei Bühnen für das gleiche Volk?), zum Narren gehalten von kafkaesken Erlassen (im Gegensatz zu seinem Pariser Kollegen ist der Leningrader Pianist, der Brahms nur im Westen Berlins, jedoch nicht im bundesrepublikanischen Westen intoniert, ein Anhänger der Dreistaatentheorie und folglich persona ingrata), gefoppt von Bezeichnungen, die beim Wort zu nehmen Ionescosche Gefilde zu betreten heißt: das Schienenbeförderungsmittel des republikanischen Gemeinwesens jenseits der Elbe heißt – Reichsbahn.

Eine vortreffliche Idee, in der Tat, die Berliner Reisetickets im Sinne von Entreebillets zu interpretieren, mit deren Hilfe der Einlaßheischende Zutritt zu einer Veranstaltung des absurden Theaters gewinnt – eine Idee freilich, die von den Autoren Dieter Hildebrandt und Peter Wehage nur unzureichend realisiert wurde, weil man, statt sich zu beschränken, allzuviel an den Mann bringen wollte... und so mußten dann den Touristinnen auch noch die roten Parolen im Ford-Bau der Dahlemer Uni und die in der DDR nicht erwünschten Wagenbachschen Rotbücher mit auf den Weg gegeben werden, so suchte man, und das war das Schlimmste, die für sich selbst sprechenden Paradoxien durch eine Anhäufung von Kalauern, Wortspielen und Gags im Kleinkunst-Bühnen-Stil zu übertrumpfen, kam vom Zoo auf die hohen Tiere, erklärte, daß in Berlin selbst das Wasser Balken habe, bemerkte über die vierte Reisende: „Sie hat nichts als den Anschlag im Sinn“ (die Dame war nämlich, sehr witzig, nicht Petroleuse, sondern Pianistin) und verhedderte sich zu alledem auch noch in den Gespinsten der griechischen Sage: Das Wesen des Labyrinths ist nicht die grelle Widersprüchlichkeit, sondern die Uniformität der Elemente – Ariadne führte Theseus durch einen Palast, dessen Wege austauschbar sind. (Außerdem kam sie, dem Unhold trotzend, ans Ziel, während ihre moderne Nachspielerin allenfalls die Außenbezirke der Festung, Forts und Tore, erreicht.)

Und dennoch, die Idee ist exzellent; die Beispiele, gewählt, um die Exzentrizität der Stadt zu beschreiben, waren vortrefflich. Momos