Von Franz Schüler

Fats Domino, schwergewichtig wie immer und deprimiert von der gegenwärtigen Pop-Musik-Szene und ihrem Image, lehnt sich in der Garderobe in einen breiten Sessel zurück. „Underground? Den gibt es gar nicht. Ich höre doch diese Musik den ganzen Tag im Radio in meinem Wagen. Da sind meine Platten ja noch eher Underground.“ Er hat sich damit abgefunden. Für ihn wurde durch die Erkenntnis, daß Rock ’n’ Roll und auch die neue Pop-Musik ein riesiges Geschäft, eine Zwei-Milliarden-Dollar-Industrie sind, diese Musik nicht als große Lüge, als Ausbeutung der vorsätzlich geschaffenen Bedürfnisse eines jugendlichen Publikums „entlarvt“. Entlarvt erscheint sie neuerdings nur dem, der ungebrochen an ihre Identität und an ihre Fähigkeit glaubte, Mittel und Ausdruck einer „Gegenkultur“ zu sein.

Diese ehemals so gesichert scheinende Identität ist verlorengegangen. Die Rock-Musik erlebt eine Bewußtseinskrise, die viele Formen und Folgen hat: wirtschaftliche, ideologische und musikalische. Ihr wirtschaftlicher Boom zwischen 1967 bis 1970 ist abgeebbt.

Das Ende der beiden prominentesten Rock-Musik-Paläste dieser Zeit, der „Filimores“ in San Francisco und New York, ist direktes Ergebnis und zugleich Symbol der Rezession.

Die kommerziellen Rundfunkstationen, die ausschließlich auf Rock-Musik kapriziert waren, ändern ihre Programmstruktur und senden „easy listening music“. Perry Como feiert ein Comeback.

Bill Graham, der einflußreichste und geschäftstüchtigste Rock-Musik-Impresario Amerikas, der unter anderem auch ein eigenes Platten-Label unterhielt, ist aus dem Geschäft ausgestiegen. Für ihn war es unmöglich geworden, die Eintritts- – preise in erträglicher Höhe zu halten. Seit den Tagen, als die Jefferson Airplane, die Grateful Dead und Big Brother & The Holding Company die hause bands des „Fillmore West“ waren, hatte sich die Szene für Graham nur zum Schlechten hin verändert.

Plattenfirmen, die bis dahin jede nur halbwegs kompetente Gruppe nach den ersten beiden öffentlichen Auftritten unter Vertrag nahmen und produzierten, sind dazu übergegangen, den personellen Überhang in ihren Pop-Musik-Abteilungen abzubauen. Sie stellten fest, daß Investitionen in neue Gruppen und zu erwartender Umsatz selten in einem vernünftigen wirtschaftlichen Verhältnis zueinander standen. So konzentrieren sie die Promotion mehr und mehr auf ihre populärsten Interpreten. Mit dem Ergebnis, daß die Pop-Musikliebhaber in Amerika und Großbritannien ihr Interesse fast ausschließlich auf die Top-Thirty-LPs der Hitparaden konzentrieren.