In Montpellier hat sich eine Autofahrer – Vereinigung gebildet, die ohne Beispiel ist, es sei denn, daß man an die „Provos“ von Amsterdam zurückdenkt, die ihre Fahrräder untereinander austauschten: Sah einer solch ein als Provo-Rad gekennzeichnetes Vehikel unverschlossen irgendwo angelehnt, so benutzte er es einfach, worauf er es dann gleichfalls stehenließ, wie er es angetroffen. Es leuchtet ein, daß man so regellos und so kostenlos mit Autos nicht umgehen kann.

Die Vereinigung von Montpellier verlangt einen Mitgliedsbeitrag von etwa dreihundert Mark als einmalige Zahlung. Dafür wird den Angehörigen ein Schlüssel überreicht. Das ist der Schlüssel, der manchen Ärger erspart. Er paßt in alle der neuen Privat-Taxis von Montpellier,

Es gibt heute zweihundertfünfzig Mitglieder dieses Privat-Taxi-Vereins, die von ihrem Beitrag fünfunddreißig Autos gekauft und mit den Farben Weiß und Blau versehen haben. Dabei ist der einheitliche Wagentyp (Simca 1000) nicht so interessant wie ein – Apparat, der sich darin befindet, von einem Ingenieur namens Philippe Leblond konstruiert wurde und „Tipmetre“ heißt, Sein Mechanismus wird durch den Einvurf von Jetons in Bewegung gesetzt, welche die Eigenschaft haben, sich selbst zu verzehren. Man kauft diese Marken zum Preis von zehn Francs dort, wo es auch Tabakwaren und Briefmarken gibt. Da es sich hierbei um behördliche Konzessionen handelt, die in ganz Frankreich meist an Cafés in günstiger Lage vergeben wurden, hat also auch die Behörde den Verein einen Gefallen getan. Sie gab ihm auch Parkplätze, die durch die Farben Weiß und Blau gekennzeichnet sind.

Sicher ist, daß ein Mitglied des Privat-Taxi-Vereins von Montpellier von heute weniger nervös ist als seine anderen entbrennenden Mitbürger. Dem wenn es sich um Stadtfahrten handelt, läßt er seinen eigenen Wagen in der Garage, geht zum weißblauen Parkplatz, zieht seinen Schlüssel aus der Tasche und steigt in irgendeins der dort wartenden weiß-blauen Autos. Der Schlüssel macht Motor und „Tipmeter“ marschbereit; die Marke, die das Vereinsmitglied in den Schlitz wirft, gilt für achtzehn Kilometer Fahrt. Bevor sie verbraucht ist, leuchtet ein Lämpchen auf. Doch ist die Fahrt beendet, ehe die Marke sich verzehrt hat, kann man ihren Rest herausnehmen und ein anderes Mal benutzen. Unser Vereinsmitglied stellt den Wagen auf die weiß-blaue Parklücke, die seinem Ziel am nächsten ist, und kümmert sich nicht mehr um den Wagen, der zurückbleibt. Der Nächste, bitte!

Die kleinen weiß-blauen Wagen rollen seit etwas mehr als acht Tagen in Montpellier. Hat der Verein Erfolg und steigt die Mitgliederzahl, so daß mehr und mehr „Tipmesser“-Autos angeschafft werden können, ist die Behörde bereit, mehr weiß-blaue Parkplätze einzurichten.

Wer wagt es in Deutschland, dem Beispiel aus Montpellier zu folgen? Die Münchner? Schon wegen der weiß-blauen Farbe und in Anbetracht der Olympischen Spiele? Aber was der Ausdruck „Tipmesser“ heißen soll? Keine Ahnung. Vielleicht soll allen Großstädten ja ein guter Tip zugemessen werden...