Von Jean Améry

Ein Zitat: „... was stelle ich gegenwärtig darf Ein kleines Kapital an Sicherheit erlaubt mir einen Handlungsspielraum, den andere nicht haben. Was habe ich also zu tun? Dieses kleine Kapital zu erschöpfen, also mich jedesmal stärker zu engagieren, so daß die Regierung sich immer wieder vor die Alternative gestellt sieht. Sie nimmt mich so lange nicht fest, bis das kleine Kapital erschöpft ist. Dann werden sie mich einsperren.“ Es ist einem unter dem Titel „Ein Betriebstribunal“ veröffentlichten Interview Jean-Paul Sartres entnommen, das er im Januar 1971 einem französischen Journalisten gewährte. Nebst einigen Aufsätzen, Aufrufen, Reden, Interviews – sieben Beiträgen im ganzen – ist er erschienen in dem Band

Jean-Paul Sartre: „Der Intellektuelle und die Revolution“, aus dem Französischen von Irma Reblitz; Sammlung Luchterhand, Luchterhand Verlag, Neuwied; 156 S., 7,80 DM.

Besondere Aktualität kommt diesem Buch in einem Augenblick zu, da man in Paris einen Strafprozeß gegen Sartre vorbereitet. Es wird, dies sei gleich vorweggenommen, aller vernünftigen Voraussicht nach keine neue Dreyfus-Affäre werden. Man wird den sechsundsechzigjährigen, wie man hört, ziemlich leidenden Philosophen kaum ins Gefängnis werfen. Eine Geldstrafe ist wahrscheinlich alles, was ihm droht. Zwar ist kein de Gaulle mehr da, um zu sagen: „Man verhaftet nicht Voltaire“ und „Auch Sartre ist Frankreich“ – doch ist immerhin, wie Sartre selber zugibt, auch Pompidou ein gebildeter Mann, der wenig Lust haben dürfte, den immer noch angesehensten aller zeitgenössischen Denker Frankreichs zum Märtyrer zu machen.

Märtyrer zu sein – dies ist für einmal festzustellen in Deutschland, wo das Verhalten Sartres den unsinnigsten Interpretationen und Spekulationen unterlag – ist nicht Sartres Intention. Weder verlangt es ihn nach einer Dornenkrone, noch ging es ihm, wenn er sich linksradikalen Gruppen anschloß, wenn er die Verantwortung für die Herausgabe verfolgter Publikationen übernahm, um die Provokation als solche. Was er wollte, war zweierlei: die Enthüllung der französischen Rechtsprechung als Klassenjustiz („Ich will sie immer wieder vor die Wahl stellen: Sartre einsperren oder zweierlei Maß gelten lassen“) und die günstigste Aufzehrung des oben erwähnten „Vertrauenskapitals“ im Dienste einer Sache, die er für die gute hielt und hält: der Revolution.

Das Stichwort ist gefallen. Es führt uns ohne Umweg hinein in die Thematik jener Aufsätze beziehungsweise Interviews, die den Band „Der Intellektuelle und die Revolution“ tragen. Eine politisch-intellektuelle Entwicklung zu immer größerer Radikalität, zu stets wütenderer Outrance ist offenbar. Nur ist es ein billiges Geschäft, darüber die Achseln zu zucken, und es ist – von der schnoddrigen Respektlosigkeit ganz abgesehen – obstinates Un- und Mißverständnis, hier, wie es geschah, von senil-hoffnungslosem Werben um die Gunst der Jugend zu sprechen.

Ein Wort über die Entwicklung zuvor. In dem 1968 der Brüsseler Studentenzeitschrift Le Point gegebenen Interview „Der Intellektuelle und die Revolution“, das dem Band seinen Titel gab, spricht Sartre noch im charakteristischen Denkstil des Linksintellektuellen, als den man ihn jahrzehntelang gekannt hat. Zwar bekennt er sich rückhaltlos zur revolutionären Praxis, jedoch sieht er die Rolle des Intellektuellen innerhalb dieser praktisch-politischen Aktivität noch als eine wesentlich kritische – der Intellektuelle, der nach Sartres Definition allemal nur Linksintellektueller sein kann, operiert streng rational, genauer: mit dem Instrument der dialektischen Vernunft, die der Verfasser in seiner „Kritik der dialektischen Vernunft“ theoretisch erarbeitet hat. Diese Rationalität seines politischen Denkens führt ihn zugleich in die revolutionäre Praxis hinein und über sie hinaus. Der Radikalismus des Intellektuellen ist hier noch ein Radikalismus der Wahrheit. Ausdrücklich zieht Sartre die Grenze zwischen dem Intellektuellen und den Parteien: „Die Parteien sind politisch, und als solche haben sie die Tendenz, mitunter Möglichkeiten zu wählen, die sie von einer radikalen Linie abbringen. Der Intellektuelle muß für die Prinzipien einstehen.“