Von Karl-Heinz Janßen

Das Wahltheater in Saigon hat es an den Tag gebracht: Amerikas politischer Einfluß in Südvietnam nimmt ab mit jedem GI, der das Land verläßt. Alle Interventionen des US-Botschafters Ellsworth Bunker haben nicht erreicht, daß im Präsidentschaftswahlkampf wenigstens der Schein von Demokratie und Fairneß gewahrt wird. Zwar hat seine Drohung, der US-Kongreß könne die Hilfsgelder für Saigon zusammenstreichen, zu guter Letzt noch eine Revision jenes Gerichtsbeschlusses zuwegegebracht, der den Vizepräsidenten und Luftmarschall Ky von der Kandidatur ausgeschlossen hatte. Aber nun ist es Ky, der nicht mehr mitspielt – wie vor ihm der andere mögliche Gegenkandidat Präsident Thieus, General Minh, darauf verzichtet hat, sich als demokratisches Aushängeschild einer manipulierten Wahl mißbrauchen zu lassen.

Für Präsident Nixons Politik der "Vietnamisierung" bedeutet dieser Ausgang – die Alleinkandidatur Thieus – die zweite Schlappe seit dem militärischen Debakel in Laos: Thieu, der Mann Washingtons schon seit 1966 (Nixon: "Einer der fünf, sechs großen Staatsmänner in der Welt"), schlug fast alle Mahnungen seines großen Alliierten in den Wind. Beharrlich entzog er sich dem bedrohlichen Charme Botschafter Bunkers, der ihn solange protegiert hatte. Vorbei sind die Zeiten, als amerikanische Diplomaten die Junta-Generale in Saigon abkanzeln konnten, als seien sie eine ungezogene Schulklasse.

Thieus Wiederwahl wäre auch bei einem oder mehreren Gegenkandidaten ungefährdet, denn der Staats- und Verwaltungsapparat, der die Wahlen veranstaltet, ist auf ihn eingeschworen. Der Präsident hätte getrost die amerikanische Mahnung beherzigen können, aus optischen Gründen diesem oder jenem Oppositionellen einen Achtungserfolg zu gönnen. Aber man sagt ihm den Ehrgeiz nach, er wolle nicht noch einmal wie 1967 mit nur einem Drittel der Stimmen, also als "Minderheitspräsident", durchs Ziel gehen. Diesmal soll es ein strahlender Sieg werden. Darum also die Manipulationen mit dem Wahlgesetz, darum die Blanko-Wahlscheine, die Beschlagnahme von Zeitungen, der Mißbrauch der Gerichte zu politischen Zwecken, die Verhaftung unliebsamer Wahlhelfer unter dem Vorwand, sie seien Agenten des Vietcong.

"Ich kann einfach nicht Handlanger einer solch schändlichen Farce sein, die das Volk noch mehr am demokratischen System verzweifeln lassen wird", sagte General Minh, immerhin der Mann, der 1963 im Bunde mit Washington den Diktator Diem gestürzt und danach ein paar Monate das Land (mehr schlecht als recht) regiert hat. Auch Ky ereifert sich über die "Ungerechtigkeit und Korruption" des Regimes, dem er selber in führender Stellung angehört.

Solche Vorwürfe sind, zumal in unterentwik– kelten, ehemals kolonialen asiatischen Ländern, nichts Außergewöhnliches. Für die meisten Vietnamesen (in Nord und Süd gleichermaßen) ist Demokratie ein Fremdwort. So mancher Bauer, der 1967 bei Tage unter den wachsamen Augen der Militärpolizei seine Stimme für Thieu abgegeben hat, zahlt bei Nacht sein Scherflein für den Vietcong. Ohnedies sind "freie Wahlen" in einem Bürgerkriegsland ein Unding.

Einen Monat lang können die USA nun noch versuchen, die kommenden Wahlen in ein günstigeres Licht zu setzen. Ky hat ihnen dazu einen Weg gewiesen: Thieu als Präsident und er selber als Vizepräsident müßten zurücktreten und dem Senatspräsidenten die Amtsgeschäfte überlassen, der binnen drei Monaten eine Neuwahl zu organisieren hätte. Aber es spricht zur Zeit nichts dafür, daß sich Thieu darauf einlassen wird. Denn Kys Vorschlag ähnelt fatal dem Friedensprogramm der NLF, die seit eh und je den Sturz des derzeitigen Saigoner Regimes und die Bildung einer Übergangsregierung fordert.

Marschall Ky, ein Opportunist reinsten Wassers, hat sich seit der Niederlage in Laos vom Adler zur Friedenstaube gemausert und prompt den Beifall Hanois und der NLF gefunden. Dunkel spricht er nun von möglichen Unruhen in der Zukunft, und sein Rivale Minh tut es ihm darin gleich. Das Saigoner Krisenkarussell, das Mitte der sechziger Jahre zum Stillstand kam, beginnt sich wieder zu drehen. Und für Saigon wächst die Gefahr, daß Washington der Verhältnisse in Südvietnam vollends überdrüssig wird.