Von Wolfgang Boller

Als sie begriffen, daß diese Tage gezählt waren, gaben sie sich selbst ein Fest. Das war am fünften Tag in der Ägäis. Ihr Boot lag im Hafen von Paros.

Es begann in Rafina.

Rafina ist ein Fischerdorf an der Ostküste von Attika, ungefähr 30 Kilometer von Athen entfernt: ein kleiner Hafen, eine Uferstraße mit weißen Häuschen, drei Tavernen, zwei Kaffeehäuser, bunte Markisen, Stühle auf dem Bürgersteig – eine typische Kulisse für Ferienglück und falsche Vorstellungen, natürlich glühend heiß und eingehüllt in diesen Geruch nach Salzwasser und Hammelfett.

Der Reiseführer weiß nichts von Rafina. Rafina ist der Ausgangspunkt für Segelfahrten zu den Inseln der Kykladen. Im Hafen ankern die Boote, in den Kaffeehäusern sitzen die Kapitäne. Die Boote nennt man Kaikis. Es sind umgebaute Frachtschiffe mit dicken Hüften, Dieselmotor und geflickten Segeln. Sie werden von der Agentur in Athen an Reisegruppen vermietet, Klubs oder befreundete Paare mit Eigeninitiative, aber auch an Touristikveranstalter. Dann können sehr bunte Gesellschaften zusammenkommen, abenteuerlustige Buchhalterinnen und weißhaarige Griechenlandträumer: so wie jene zusammengewürfelte Gesellschaft am Kai von Rafina.

Sie standen verlegen herum und waren einander nach einer gemeinsamen Fahrt mit dem Bus noch sehr fremd. Die wenigsten hatten gesagt, wer sie sind. Alle empfanden ein prickelndes Gefühl wie vor unerhörten Ereignissen. Auch ich hatte sie nie zuvor gesehen, und doch kannte ich sie. Nestor war unter ihnen, der Weise, Alte, der in Griechenland immer auf dem Heimweg ist, und Odysseus, der Rastlose, Umhergetriebene, der sein Glück auch zu Hause nicht findet. Ich sah Adonis und den mißtrauischen Laokoon, den niederen Gott Priapos mit rotem Bart und Haar, den König Menelaos mit der Schönen Helena. Ich sah auch Prinz Paris, zwei Stadtnymphen, einen Satyr und Melissa, die süßeste Nymphe.

Ich, Poseidon, fuhr auf der Mastspitze mit. Ich zerstreute die Wolken und winkte die Winde herbei. Mit dem Dreizack wühlte ich ein bißchen im Meer herum. Und in die Herzen der Reisenden senkte ich Bilder von so leuchtenden Farben, daß jeden, denkt er daran zurück, die Erinnerung überwältigt.