Nordamerikas Bischöfe empfahlen „die gleiche kluge Vorsicht, die bei der Lektüre eines dem katholischen Glauben feindlichen Buches angebracht ist“. Der Leiter der spanischen bischöflichen Kommission für Lehre und Glauben hielt es für „Gewissenspflicht, auf den großen moralischen Schaden zu verweisen, den eine Veröffentlichung verursachen würde“, die Glaubenskommission der italienischen Oberhirten sprach einen „öffentlichen Tadel“ aus, und die Vatikanzeitung Osservatore Romano schrieb von einer „Eskalation des Protestes“, von einer „Untergrabung der rechtmäßigen Obrigkeit“, von einem „Angriff auf die Spitze“.

Gegenstand von Empfehlungen und Argwohn: das 1970 erschienene Buch „Unfehlbar? – Eine Anfrage“ des in Tübingen katholische Dogmatik und ökumenischen Theologie lehrenden Schweizers Hans Küng.

Einhundert Jahre nach Verkündigung des Dogmas von der „Unfehlbarkeit des Papstes“ („wenn er ‚ex cathedra‘ in Sachen der Glaubens- und Sittenlehre spricht“) bestreitet hier ein Priester, der beim II. Vaticanum als offizieller Konzilstheologe die Bischöfe beriet, seiner Kirche die Fähigkeit, Sätze aufzustellen, die „von vornherein gar nicht falsch sein können“; für eine „Unfehlbarkeit“ gibt es nach Küng weder biblische noch geschichtlich stichhaltige Begründungen. Der Gemeinschaft der Kirche sei von ihrem Stifter lediglich zugesichert, daß sie, durch alle Irrtümer hindurch, letztlich in der Wahrheit bleibe. Und so möchte Küng die „Unfehlbarkeit“ ersetzt wissen durch „Indefektibilität“ der Kirche oder deren „Perennität in der Wahrheit“.

Küng legt eine lange Kette von päpstlichen Fehlurteilen und später als falsch erwiesenen Lehramtsentscheidungen vor. Sie zeigt ihm einen „Teufelskreis lehramtlicher Alibimentalität“, basierend auf der Furcht, „die Einsicht in die zugestandene Fehlbarkeit bestimmter wichtiger Entscheidungen könnte die Aussicht auf die beanspruchte Unfehlbarkeit bestimmter anderer wichtiger Entscheidungen verdecken oder gar endgültig verhindern“. Und so ist für Küng auch jene Enzyklika entstanden, die seine protestierende „Anfrage“ auslöste, das Schreiben Pauls VI. zur Geburtenkontrolle: Weil zwei seiner Vorgänger (Pius XI., 1930, und Pius XII., 1951 und 1958) sich gegen eine „künstliche“ Empfängnisverhütung ausgesprochen hatten, konnte Papst Paul VI., dem Unfehlbarkeitsdogma zufolge, selbst wider besseres Wissen nur so entscheiden.

Ein katholischer Kollege in Mainz sah Küng damit „auf Kollisionskurs“, ein protestantischer aus Erlangen fragte sich, ob „Küng noch katholisch“ sei, auch der Jesuit Karl Rahner glaubte, daß mit Küng, wenn er an seinen Äußerungen festhalte, nur noch „wie mit einem liberalen Protestanten“ oder gar nur mit einem „skeptischen Philosophen“ zu reden sei.

Nun ist Professor Hans Küng in diesen Tagen, wie vor ihm Karl Rahner, der Holländer Edward Schillebeeckx oder der Franzose Yves Congar, in den Trichter geraten, der ihn zwischen die Mühlsteine der römischen „Kongregation für die Glaubenslehre“, die frühere Inquisition, bringen soll. Der Osservatore Romano bestätigte, daß „eine Untersuchung eingeleitet worden“ sei.

Aber während die Theologen Congar, Rahner und Schillebeeckx noch vor wenigen Jahren sich vatikanische Verhörmethoden oktroyieren lassen mußten, scheint Hans Küng der erste zu sein, der der römischen Zensurbehörde eine autoritäre Position nach der anderen abzwingt.