Reinhold Maier war ein schwäbischer Demokrat alter Tradition – ein Mann, der auf altmodische Weise stolz darauf war, Bürger zu sein. Er war Bürger, unbeeindruckt von Gesellschaftstheorien, die diesen Begriff unter Ideologieverdacht gestellt haben, und unbeeinflußt vom Drang nach größerem Glanz und höherer Ehre. Lange ehe die Politologen den Begriff der Basisarbeit erfunden haben, setzte sich Reinhold Maier mit seinen Wählern zusammen und besprach, trinkfest und schlagfertig, die Weltläufte. Er schaute dem Volk aufs Maul; seine Rede war bildhaft und oft von boshafter Treffsicherheit. An politischem Ehrgeiz hat es ihm gewiß nicht gemangelt, aber die äußeren Zeichen des Erfolgs schätzte er gering. Mit Frack und großem Verdienstkreuz hat man ihn nie gesehen – vielleicht auch, weil ihm das Geld für den Frack zu schade war.

Reinhold Maier zählte zu den Politikern aus der Weimarer Zeit, die nach dem Kriege darangingen, die deutsche Demokratie wieder aufzubauen. Er war der einzige Ministerpräsident, den die Freien Demokraten stellten, zuerst in Nordwürttemberg-Baden, dann im Südweststaat, den er listig und energisch gezimmert hatte. Reinhold Maier war auf alte Art reichstreu. Bonn blieb ihm lange suspekt, und mit den Christlichen Demokraten hatte er, der eifernde Antiklerikale, wenig im Sinn. Fast wäre er der große Gegenspieler Konrad Adenauers geworden, aber der Kanzler hatte die Zeichen der Entwicklung besser gedeutet. Für eine Übergangszeit, als sich die FDP in der Opposition wieder sammelte, war er Parteiführer –, ein tüftelnder Taktiker und zugleich ein Politiker, der mit Herzton und Paulskirchen-Pathos die deutsche Einheit beschwor.

Den Weg der neuen FDP hat Reinhold Maier, ihr Ehrenpräsident, nicht ohne Sorge verfolgt. Manches ging ihm, dem Altliberalen, wohl wider den Strich. Er war zu sicher in seiner Überzeugung, als daß er sich noch hätte ändern können. Altmodisch? Wer Reinhold Maiers gedenkt, benutzt das Wort mit Respekt und fast mit Wehmut. Er war ein Bürger, und er hatte Grund, stolz darauf zu sein. R. Z.