Mit dem Botschafter-Abkommen könnte Berlin leben

Von Theo Sommer

Berlin bleibt Berlin. Das ist, in drei Wörtern, der Kern des Abkommens, über dessen Entwurf sich die Botschafter der vier Kriegsalliierten am Montag geeinigt haben – nach siebzehn Verhandlungsmonaten, 33 Sitzungen und über 150 Konferenzstunden. Wohl bedarf das Abkommen noch der Ergänzung durch die dazugehörigen deutsch-deutschen Übereinkünfte; deren Aushandlung mag auch noch Zeit und Mühe kosten. Aber niemand rechnet damit, daß das Unterfangen in der deutschen Phase scheitern könnte. Zu klar sind die Signale, welche die Botschafter gesetzt haben: Der Krisenherd Berlin soll ausgeräumt, Komplikationen sollen abgebaut werden.

Die Großmächte wollen 22 Jahre explosionsträchtigen Gegeneinanders beenden. Da freilich der Wille zur Konfrontation und das Spiel mit der Krise ein Menschenalter lang nur von einer einzigen Seite ausgegangen war, der östlichen, heißt die Berlin-Einigung vom 23. August nichts anderes als dies: Die Kommunisten geben ihre Versuche auf, West-Berlin zu berennen und die Bande zu kappen, die es mit der Bundesrepublik verbinden.

Mehr als erwartet

Damit erst ist Stalins Blockade (1948–49) und Chruschtschows Politik der Ultimaten (1958–62) endgültig Geschichte geworden; desgleichen Walter Ulbrichts Bemühen, West-Berlin durch dauernde Drohungen, Nadelstiche und Schikanen aus seiner westlichen Verankerung zu lösen. Wie die Sowjets von ihrem Ziel ablassen mußten, West-Berlin zur "Freien Stadt" umzufunktionieren, so hat die SED ihren Plan aufgeben müssen, es zu einer "selbständigen politischen Einheit", einer Art freischwebendem dritten deutschen Staat ohne Beziehung zur Bundesrepublik zurückzuschrumpfen.

Die Wahrhaftigkeit gebietet es, dies festzustellen. Die Staatsklugheit aber verbietet es, deswegen ein schadenfrohes Triumphgeheul anzustimmen. Wenden wir es lieber ins Positive: Die Vernunft hat gesiegt. Auch die Sowjets haben sich der Vernunft gebeugt, und sie haben überdies die DDR-Führung zur Einsicht gebracht. Sicherlich hätten sie es nicht getan, wenn unsere westlichen Verbündeten nicht hartnäckig und hart geblieben wären, wo Hartnäckigkeit und Härte am Platze waren – dafür gebührt den Amerikanern, den Franzosen und Briten bleibender Dank. Aber die Sowjets hätten es sicher auch nicht getan, hätte Willy Brandts Ostpolitik ihnen nicht die Gewißheit eingeflößt, daß sie für eine Politik der Vernunft in Bonn heute einen verläßlichen Partner haben.