Von Karl-Heinz Wocker

London, im August

Nordirland wechselt seine Sündenböcke mit erstaunlicher Schnelligkeit. Gerade war es noch die illegale irische Untergrundarmee IRA, jetzt sollen es die legalen britischen Truppen sein. Katholiken wie Protestanten überhäufen sie mit Vorwürfen. Doch läßt sich daraus keineswegs auf eine negative Koalition aller Iren gegen die Briten schließen. Vielmehr versprechen sich beide Seiten von der Untersuchung, die nun in Gang kommt, etwas ganz Verschiedenes: Die Protestanten wollen bewiesen sehen, daß es ohne die inzwischen abgeschafften nordirischen Milizeinheiten nicht geht, die Katholiken möchten die krasse Parteilichkeit der Armee-Einsätze bestätigt haben. Dem doppelten Drängen ist in London nachgegeben worden.

Freilich arbeiten britische Untersuchungskommissionen langsamer als Liverpooler Dockarbeiter, die „nach Vorschrift“ tätig sind. In London macht die Regierung den Eindruck, als habe sie mit der Zusage, Vorwürfe gegen die Armee prüfen zu lassen, schon genug getan. Man will die Soldaten nicht zum Dank dafür, daß sie von denen, die sie schützen, angeschossen werden, nun auch noch in die Nähe der My-Lai-Mörder rücken. Vor öffentlicher Schmähung sind die Truppen in Nordirland unter einer Tory-Regierung absolut sicher.

Die Kommission verdankt ihre Existenz ohnehin mehr der Ratlosigkeit Londoner Minister als dem Druck nordirischer Bürger. Dennoch erregen deren Klagen einiges Aufsehen. Sie richten sich nahezu einhellig gegen die Art und Weise, wie die vor zwei Wochen internierten 300 Mitglieder (und Nichtmitglieder) der IRA behandelt worden sind. Auf dem Weg durch mehrere provisorische Lager soll es Püffe, Schläge, endlose Kreuzverhöre, wenig zu essen und entwürdigende Beschimpfungen gegeben haben. Die Aussagen der inzwischen Entlassenen stimmen mit dem überein, was die noch Inhaftierten ihren Angehörigen bei Besuchen versichern.

Die Presse in Dublin und London schlug Alarm. Der südirische Ministerpräsident sieht sich gerechtfertigt in seiner Erklärung, er, werde den zivilen Ungehorsam im Norden unterstützen, wenn die Briten weiterhin auf eine rein „militärische Lösung“ in Ulster zusteuerten. Die Labour-Opposition verhärtet ihre Haltung gegen das Kabinett Heath, das eine Sonderdebatte des Unterhauses während der Parlamentsferien abgelehnt hat. Die Lage wird wieder kritisch, obwohl die Massenzusammenstöße in Belfast und Londonderry nachgelassen haben.