Von Josef Müller-Marein

Der tränentreibende Film "Love Story", der, wie inzwischen in der ganzen Welt, auch in Frankreich länger als ein Vierteljahr finanziell erfolgreiche Überschwemmungen in den Kinosälen angerichtet hat, ist ostwärts abgezogen. Von diesem Freitag an werden die Rühr-Wasser in den Lichtspielhäusern der Bundesrepublik überquellen. Währenddessen sind sogar die Pariser Vororte, wo dem Vernehmen nach besonders heftig geweint wurde, abgetrocknet. Nur ein einziger feuchter Fleck ist noch übriggeblieben: ein kleines Kino mit dem exquisiten Namen "Royal Haussmann Club". Es liegt in der Gegend der großen Boulevards und der Banken. Eigentlich kein Ort, an dem die Augen leicht feucht werden.

Als ich in letzter Minute hinein eilte, weil auch ich einmal von mir sagen möchte, ich sei dabeigewesen und hätte über die "Love Story" geweint, war das Kino nur zu einem Drittel besetzt. Und man weiß, daß leere Plätze die Stimmung nicht fördern. Ich durfte dennoch hoffen, da ich mich erinnerte, in allen ähnlichen Fällen sehr geweint zu haben: bei der "Kameliendame" (Dumas), bei "Traviata" (Verdi), bei "Bohème" (Puccini), wo auch mich Mimis eiskaltes Händchen das Schlimmste, nämlich ein langsames, blumenhaftes Hinsterben befürchten ließ.

Kurzum: Da mich das Thema schon in drei Versionen erschüttert hatte, durfte ich der vierten Abwandlung zuversichtlich entgegensehen.

Zudem hatte ich im "Spiegel" folgenden passenden Satz gelesen: "Die britische Königinmutter Mary und Prinzessin Margaret zählten mit Amerikas First Lady Patricia Nixon samt Töchtern zu den ersten Heulern, und der Präsident selber gab den allerhöchsten Segen: ‚Ich empfehle den Film‘..."

Und zwar ist dieser Satz schon deshalb nicht unpassend, weil der "Spiegel", wenn er den Ausdruck "Heuler" mit den Emotionen hoher Persönlichkeiten in Verbindung bringt, dem Film so vollkommen nacheifert. Es ist nämlich dieses Bildstreifens wesentliches Stilmerkmal, daß die Gefühle hehr und erhaben, die Dialoge aber robust und schnoddrig sind. Oder anders gesagt:

Gefühle überhitzt, Ausdrücke unterkühlt. Oder: Empfindungen voll ewiger Schönheit, Redensarten modern. Oder noch anders klargestellt: Wenn man die todkranke Kameliendame begrüßte: "Na, alte Zicke, Leben noch frisch?" oder Mimi apostrophierte: "Mensch, hast du ’ne kalte Flosse!", dann käme man so ungefähr hin.