Soll man nur auf den Gebieten arbeiten, die interessant sind, und nur, dann, wenn man interessiert ist, und was überhaupt, ist die, Motivation für menschliche Arbeit im allgemeinen und schulische Arbeit im besonderen?“ Würde man hierzu eine Meinungsumfrage durchführen, bekäme man wohl hauptsächlich die folgenden konträren Antworten: „Wie bitte? Arbeiten wann und was man will? Unmöglich, wo kämen „wir da hin!“ Und: „Ja, das wäre wunderschön, nur dann wäre der Mensch frei.“ Beide Ansichten,sind, verständlich.

In der Tat wäre es in unserem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem undenkbar, daß jeder nur dann an seinem Arbeitsplatz erscheint, wenn er gerade Lust dazu hat. Die Wirtschaft und damit die Lebensgrundlage des Volkes würde schlagartig zusammenbrechen. Etwas Ähnliches würde geschehen, dürfte sich jeder den Beruf wählen, der ihm Freude macht. Viele Menschen würden wenigstens vorübergehend überhaupt keiner Arbeit mehr nachgehen, weil sie an keiner interessiert sind, und sich nur noch ihren Freunden, der Familie oder ihren Hobbys widmen. Dieser Zustand würde „vorübergehend“ eintreten, das betone ich ausdrücklich, denn bis jetzt habe ich nur einen Arbeitsantrieb berücksichtigt: den des Geldverdienens. Aber vergessen wir nicht den zweiten, nicht minder wichtigen: den Wunsch des Menschen, etwas zu. erforschen und zu verbessern, produktiv zu sein – oder sich in seiner Existenzberechtigung zu bestätigen.

Allein aus diesem Grunde brauchte man wohl nicht zu befürchten, niemand würde mehr arbeiten wollen. Man könnte sicher sein, daß das Volk eines Staates aus innerem Antrieb heraus wieder mit der Produktion begänne, teilweise aus Freude an der Weiterentwicklung und teilweise aus dem Wunsch heraus, sich selbst zu bestätigen. Denn ich glaube nicht, daß die große Mehrheit von dem Trieb, zu erfinden und zu forschen, beherrscht wird, sondern die meisten arbeiten, um sich selbst und anderen zu beweisen, daß sie „zu etwas nütze sind“.

Es bleibt die Frage nach der Interessen- und damit der Berufswahl. Dieses Problem möchte ich am schulischen Bereich deutlicher sichtbar machen.

Viele Schüler fordern freie Wahl der Fächer. Dagegen aber spricht: Dem Schüler fehlt die ausreichende Übersicht über den Inhalt vieler Fächer, um entscheiden zu können, ob sie ihn interessieren werden, wenn er sich näher mit dem Stoff beschäftigt, oder ob er sie als Voraussetzung für ein anderes Fach braucht, das er gern mag und das er als Grundlage für seinen Beruf wählen will. Zudem bin ich der Meinung, daß man in dem Maße bewußter lebt, indem man sich Wissen aneignet, und zwar auf den verschiedensten Gebieten. Sei es in der Literatur, wo man gewisse Kenntnisse benötigt, um beispielsweise ein gutes Buch bewußt erfassen zu können, sei es in den Naturwissenschaften, die es einem ermöglichen, die Umwelt intensiver zu erleben. Durch das Erlernen von Fremdsprachen erhält man entweder die Möglichkeit, sich mit anderen Völkern direkt zu verständigen, oder aber Quellen zu lesen, bei denen es auf den Urtext ankommt.

Man erweitert durch Wissen seinen Horizont und seinen Erlebnisbereich so sehr,, daß diese Erkenntnis, nachdem man sie einmal gehabt hat, der eigentliche Antrieb zum Lernen sein sollte. Diese Erkenntnis gewinnt man jedoch erst nach langer Beschäftigung mit einer Materie. Deshalb lehne ich es ab, daß Schüler ihre Fächer von Anfang an selbst wählen können, weil die Gefahr besteht, daß sie sich selbst etwas vorenthalten, was sie im Grunde doch interessieren könnte.

Die Erfahrungen aus dem Schulbereich kann man jedoch nicht ohne weiteres auf die Arbeitswelt projizieren. Eine Fließbandarbeit wird nicht dadurch interessanter, daß sie lange ausgeführt wird, sondern sie stumpft ab. Es gibt menschenunwürdige Arbeiten, die freiwillig wohl niemand verrichten würde. Das können körperlich schädigende genauso wie geistig verdummende Tätigkeiten sein. Und wenn es auch praktisch nicht durchführbar ist, den Menschen das tun zu lassen, wozu er Lust hat, so sollte es doch ein Ziel sein, jedem zu ermöglichen, seinen Interessen nachzugehen, und ihm durch Bildung die Voraussetzungen zu sinnvollem und befriedigendem Tun zu geben – ein Ziel, das durch die fortschreitende Automation auch zu erreichen ist.

Susanne Stein, 18 Jahre