Ein Volk von Göttern würde sich demokratisch regieren“, sagte Jean-Jacques Rousseau. Seit: mehr als zwanzig Jahren wird die Bundesrepublik Deutschland demokratisch regiert. Doch dies bedeutet noch lange nicht, daß wir ein Volk von Göttern sind. Rousseau wußte wohl, warum er die Demokratie einem Volk von Göttern vorbehielt; denn Demokratie ist die Herrschaft des Volkes, durch das Volk und für das Volk. Demokratie verlangt vom einzelnen Staatsbürger weitaus mehr Engagement als eine andere Regierungsform. Wie ist es nun um das politische Engagement junger Menschen in unserem Staate bestellt?

Als im Juni 1970 das aktive Wahlalter auf achtzehn Jahre herabgesetzt wurde, glaubten viele Bundesbürger, diese jungé Wählerschicht werde nun bei den Wahlen stark vertreten sein und das Ergebnis spürbar beeinflussen. Die vergangenen Landtagswahlen bewiesen jedoch, daß die Beteiligung der jugendlichen Bevölkerung gering war. Kann man nun daraus schließen, daß ein großer Teil der jungen Menschen politisch desinteressiert ist? Natürlich ist die Wahlbeteiligung nicht der alleinige Gradmesser politischen Interesses, aber niemand kann leugnen, daß der Gang zur Wahlurne das Mindestmaß an politischem Engagement darstellt, das vom einzelnen Bürger gefordert werden darf. Insofern ist es meiner Meinung nach berechtigt zu behaupten, daß Politik bei vielen jungen Menschen auf Ablehnung stößt.

Was sind nun aber die Gründe der politischen Apathie unter der jungen Bevölkerung? Ein nicht unbedeutender Faktor hierfür scheint mir die noch immer weitverbreitete Meinung zu sein, Politik sei ein schmutziges Geschäft. Dieses Vorurteil wird von vielen Jugendlichen unkritisch übernommen. Es veranlaßt sie schließlich, allen Vorgängen, die mit Politik zu tun haben, aus dem Wege zu gehen. Wenn dann von Zeit zu Zeit eine politische Affäre Schlagzeilen macht, fühlen sie sich in ihren Vorurteilen nur bestärkt. Es stellt sich hier daher die Aufgabe, diese Jugendlichen zu kritischem Nachdenken anzuhalten, damit sie allmählich von ihren Vorurteilen loskommen. In diesem Zusammenhang darf man nicht übersehen, daß sich einige junge Menschen dieses Vorurteil bewußt zu eigen machen, um damit jeder Art von Engagement entgehen zu können.

Ein weiterer Grund für die politische Apathie liegt darin, daß eine beträchtliche Anzahl junger Menschen glaubt, auf die Entscheidungen der Politiker keinen Einfluß ausüben zu können, und es daher keinen Sinn habe, sich in irgendeiner Form an der Politik zu beteiligen. Da sich viele in Fragen der Politik, sei es Kommunalpolitik oder Weltpolitik, „ohnmächtig“ fühlen, lösen sie ihre Lust-Unlust-Spannungen in apolitisch erlebten Sozialkontakten. Dieses Gefühl wird noch dadurch verstärkt, daß sich viele Jugendliche manipulierten Informationen ausgesetzt sehen. Diese beiden Punkte stellen in der Tat ein nicht leicht zu lösendes Problem dar, das unsere Gesellschaft vielleicht noch lange beschäftigen wird.

Als letzten Grund möchte ich die unzureichende Erziehung junger Menschen an unseren Schulen zu einem gesunden Demokratieverständnis anführen. Obwohl in diesem. Punkt an unseren Schulen schon einiges verbessert worden ist, bleibt doch noch ein großer Nachholbedarf. Um beim Schüler Interesse an politischen Vorgängen, zu wecken, sollte unbedingt mehr Wert auf Sozialkundeunterricht gelegt werden. Solange auf diesem Gebiet nicht mehr getan wird, darf man nicht erwarten, daß das Interesse junger Menschen am politischen Geschehen zunimmt. Zu hoffen bleibt nur, daß im Zuge der Reformen an unseren Schulen einer politischen Meinungsbildung mehr Raum gewährt wird.

Otto Schneider, 19 Jahre